„Street Art steckt noch in den Kinderschuhen “

Captain Borderline Street Art "Surveillance of the fittest" - Foto: Vera Kleinken

Vera Kleinken führte das Interview mit der Herausgeberin von Street Art Cologne, Anne Scherer.

 

Bevor du im Kunstbereich angekommen bist, hast du in der Rechtsabteilung einer Aktiengesellschaft und dann in einer Eventagentur gearbeitet. Wie bist Du zur Kunst gekommen und warum ausgerechnet zur Street Art?

Bei der Kunst war ich eigentlich zuallererst. Ich bin in einer Kunstfamilie aufgewachsen. Meine Oma war Künstlerin, mein Vater Kunstsammler und irgendwie hat Kunst in unserer Familie immer eine Rolle gespielt. In unserem Haus sind Künstler ein und ausgegangen und haben immer die interessantesten Geschichten erzählt. Ich fand das als Kind immer total faszinierend. Künstlerin zu werden, wie meine Oma, wollte ich aber schon damals nicht. Das Dahinter fand ich immer schon spannender. Als ich für die Aktiengesellschaft gearbeitet habe, ist mir schnell klar geworden, dass mir das zu unkommunikativ war. So bin ich dann in eine Eventagentur gegangen, bis ich dann von einem Schweizer Kunstsammler abgeworben wurde, der ein Kunstmagazin gekauft hatte, das sich nur der Street Art widmete. Das war für mich die Eintrittskarte in diese Szene. Ich war oft mit den Künstlern unterwegs und habe so andere Künstler kennengelernt. Durch die lange Zeit beim Magazin und durch die ganzen Kontakte hat sich dann ergeben, dass ich das CityLeaks Festival 2011 [in Köln] kuratiert habe. So kam das eine zum anderen, aber wo genau es angefangen hat, kann ich gar nicht genau sagen.

Woher kam die Idee, ein Street Art Cologne Buch rauszubringen?

Die Idee, zum Thema Street Art was zu schreiben, hatte ich schon lange, aber ich habe mich nie so richtig getraut. Der glückliche Zufall war, dass im Kiepenheuer & Witsch Verlag eine sehr kunstaffine Redakteurin sitzt, die das Thema vorgeschlagen und sich mit mir in Verbindung gesetzt hat. Ich denke, dass Street Art ein Thema ist, das wirklich zu mir passt und worüber ich auch viel sagen kann. Ich hatte nur ein paar Vorgaben, aber vor allem sollte das Buch Spaß bringen. Beide Seiten sind total glücklich, weil es eine total schöne Zusammenarbeit war. Ich würde es jederzeit wieder machen.

Woher hast Du dein ganzes Wissen über die verschiedenen Techniken?

Das bekommt man ja automatisch mit, wenn man sich damit beschäftigt. Wenn man sich viel mit Künstlern unterhält, erfährt man, wie die Arbeiten entstehen. Oftmals kann man auch dabei zuschauen. Je mehr man sich mit dieser Szene beschäftigt, desto mehr will man auch wissen: Wie arbeitet der Künstler? Welche Idee und Technik steckt dahinter? Und so eignet man sich das Wissen einfach an ohne dass man es merkt, einfach weil es einen begeistert.

In welche Stadtteile gehst du gern auf die Suche nach neuen Arbeiten?

In Köln gibt es ein paar Hotspots wie das Belgische Viertel oder Ehrenfeld, an denen fast täglich etwas Neues entsteht. Dann gibt es Stadtteile, die sind völlig clean und das ist auch gut so, weil es da vielleicht gar nicht hinpasst. In der Innenstadt findet man selten Street Art, aber wenn, dann sind das oft sehr gute Arbeiten. Die entdeckt man erst auf den zweiten oder dritten Blick, wie zum Beispiel die Kacheln von Invader.

Seit 2011 hast du deine eigene Galerie „Die Kunstagentin“. Was hat es mit dem Namen auf sich?

Der Name „Kunstagentin“ war lange Zeit ein Spitzname von mir, weil ich im Auftrag der Kunst unterwegs war. Als ich mich dann 2010 mit meiner Agentur selbstständig gemacht habe, war der Titel „Die Kunstagentin“ naheliegend. Eine Galerie zu eröffnen war schon immer ein Traum von mir, aber es war zu der Zeit überhaupt nicht geplant. Sie ist eher aus einer Problemsituation entstanden. Als nämlich das CityLeaks Festival 2011 zu Ende ging, mussten innerhalb von zwei Tagen alle Ausstellungshallen geräumt werden und keiner wusste, wohin mit der Kunst. Irgendwann gab mir ein Künstler den Tipp, dass auf der Maastrichter Straße was frei wird. Als ich die Räume gesehen habe, dachte ich mir, dass ich die Galerie jetzt aufmachen muss. Es war total ungeplant und eher ein Bauchgefühl. Das heißt, die Galerie kam auch erst nach dem Namen.

Findet man in deiner Galerie nur Kunst aus der Street Art Szene oder auch andere?

Ich stelle zeitgenössische Kunst aus und arbeite mit KünstlerInnen, deren Wurzeln in der Street-Art-Szene liegen. Somit liegt der Schwerpunkt auf jeden Fall in der Street Art. Ich glaube, dass es eine außergewöhnliche Kunstrichtung ist, die jetzt noch in den Kinderschuhen steckt, aber sehr großes Potential hat. Die Anerkennung im Kunstmarkt ist im Moment noch durchwachsen. Es gibt Stimmen, die sagen, dass die Street Art den Kunstmarkt revolutioniert, und andere, die die Kunstrichtung nicht akzeptieren. Das ist auch nicht verwunderlich, denn alles Neue wird im etablierten Kunstmarkt erst mal abgelehnt. So erging es auch den Pionieren des Expressionismus oder der Pop Art. Aber gerade in der Kunst gibt es zum Glück keinen Stillstand und mit jeder Generation bilden sich neue Künstlerszenen, die jeweils ihren eigenen Zeitgeist transportieren.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Von Vera Kleinken