Von Dada und Pata

Fotos: Heiko Specht

Am ersten Sonntag im Monat wird es experimentell im Kunsthaus Rhenania am Rheinufer. Das Musiklabor findet wieder statt.

Seit nunmehr zwei Jahren kuratieren die beiden künstlerischen Leiter Albrecht Maurer und Norbert Stein die Konzertreihe „Musiklabor“ und schaffen damit einen Raum des musikalischen Stilmixes: Zeitgenössisches trifft Historisches, akustische Musik wird im Live-Remix weiterverarbeitet und der Raum zum quadrophonischen Klangerlebnis.

Sonntag, 7. Dezember 2014. Den vorderen Teil des Raumes dominiert ein Sammelsurium von Instrumenten: Flügel, Toy Piano, Flöten, Glockenspiel, PET-Flaschen, Steine und bunte Plastikrohre. Utensilien, die im nächsten Moment ein postmodernes Happening entstehen lassen. Den Beginn des Konzerts machen Dietmar Bonnen, Cora Schmeiser und Lucia Mense mit ihrem Programm „dit en dat“. Zu donnerndem Klavier rezitiert Schmeiser ein holländisches Gedicht: „Dit is dit. Dat is dat. Dit is nit dat.“ Am Ende ist es ruhig. Ein zurückhaltendes Lachen im Auditorium durchbricht die Stille. Wie ist das alles hier zu verstehen? Dadaismus, Mittelalter und zeitgenössische Musik stehen nebeneinander und bilden ein Konglomerat, das sowohl irritiert als auch fasziniert. Texte von Hölderlin und Wolkenstein erscheinen in neu vertontem Gewand und sind kaum wiederzuerkennen. Dazu das stete Wechseln der Instrumente vom Reiben mit Steinen bis hin zum Experimentieren mit Ketten auf Klaviersaiten.

Nach einer Stunde: Pause. Kaffee und Kuchen. Kurz nachsinnen über die dargebotenen Klangbilder, während der zweite Teil des Konzerts vorbereitet wird: Pata Music. Pata Music? Ein Genre, das sich dem musikalischen Moment hingibt. Im Mittelpunkt steht die solistische Entfaltung eines jeden Instruments, dessen Spiel durch äußere Einflüsse wandelbar und vielseitig bleibt. Was vorgegeben wird sind eine Stimmung und die Jazzimprovisation als Fundament. Darauf bauen die beiden Musiker Norbert Stein (Tenorsaxophon und Begründer des Genres) und Reza Askari (Kontrabass) die irrwitzigsten Klangkaskaden und schaffen einen Raum der stilistischen Grenzüberschreitung. Sich offensichtlich widerstrebende Harmoniemuster finden im Fluss der Musik zusammen und werden im nächsten Moment wieder entzweit. Eine Struktur lässt sich schwerlich bis gar nicht erkennen und so bleibt das Duo dem Credo der experimentellen Konzertreihe treu.

Der dritte und letzte Teil vereint alle Musiker zum großen Krach machen mit Plastik aus den urbanen Entsorgungsstätten der Stadt Köln. Mit PET-Flaschen, AWB-Tüten oder Plastikrohren wird unisono gewühlt, gequetscht und gehauen. Irritierend und schön zugleich: die Hingabe der Musiker. Im Rahmen der allgemeinen Zweckentfremdung wird die handelsübliche Mülltüte mit derselben Ernsthaftigkeit ‚gespielt‘ wie die Flöte. ‚Was steckt dahinter?‘ frage ich mich erneut. Oberflächlich betrachtet eine lärmende Meute – darunter jedoch verschwimmen die Grenzen zwischen Musik, Statement und Alltag. Minuten verstreichen bis sich die letzte Flasche dem Zerbersten widersetzt. Im Labor wird es ein letztes Mal still. Ich verlasse das Kunsthaus und blicke auf den Hafen – schon immer ein Ort des multikulturellen Austauschs gewesen. Irgendwie eine schöne Allegorie auf die musikalischen Begegnungen, die hinter mir liegen. Bis zum nächsten Musiklabor.

 

musiklabor köln (Eintritt 7-9 €)

Bayenwerft Kunsthaus Rhenania e.V., Bayenstraße 28, 50678 Köln

http://www.musiklabor-koeln.de

Von Andreas Lemcke

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