Diskutieren erwünscht!

© Sascha Kohlmann

Unsere politischen Ansichten werden von unterschiedlichen Aspekten beeinflusst – einer davon sollte die Diskussion unter Freunden sein.

Wenn im Freundeskreis politische Ereignisse angesprochen werden, beschleicht mich oft ein mulmiges Gefühl. Wir suchen uns unsere Freunde schließlich nicht nach politischer Gesinnung aus und wer weiß, ob die anderen meine Meinung teilen? Anecken oder gar durch Halbwissen unangenehm auffallen möchte ich natürlich nicht. Also lieber still bleiben, zuhören und bei passender Gelegenheit das Thema wechseln. So war es auch bei der letzten Silvesterfeier in kleiner Runde: Einer meiner Freunde sprach das Thema Pegida an: „Was haltet ihr eigentlich von denen?“, woraufhin eine andere Freundin entschieden erwiderte: „Mit meinen Freunden rede ich nicht über Politik.“ Im Nachhinein frage ich mich: Warum eigentlich nicht? Und vor allem: Mit wem sonst?

Meinungsbildung im Dialog

Kommunikation ist einer der Grundwerte unserer Demokratie. Wir versuchen, unterschiedliche Ansichten kennenzulernen und zu akzeptieren, um dann einen Kompromiss zu finden. Dies geschieht nicht nur im Bundestag in Form von Debatten und Diskussionen. Unser Umfeld beeinflusst unsere Meinungen, in Gesprächen können wir sie austauschen und an ihnen feilen. Wenn das wegfällt, können wir unser Bild nur noch aus den Medien entwickeln, was natürlich per se nicht schlecht ist. Vielfältig informieren sich aber nur die wenigsten von uns. Die meisten bleiben in ihrem Komfortbereich und lesen sich nicht quer von links nach rechts durch die Onlinezeitungen. Was dabei herauskommt, wissen wir: Vorurteile, Halbwahrheiten und unreflektierte Zustimmung.

Viele von uns leben nicht mehr bei ihren Eltern, sondern allein oder in Wohngemeinschaften. Bei Besuchen steht Tagespolitik wohl nur bei den wenigsten auf dem Programm. Wenn wir nun nicht mit unseren Freunden über Politik reden – mit wem dann? Unseren Dozenten, Arbeitskollegen, Bekannten? Ja, ich weiß, es gibt spaßigere Themen als Politik. Aber es gibt auch unwichtigere, für die wir sehr viel mehr Zeit aufbringen. Ich finde es wichtig zu wissen, welche politischen Einstellungen meine Freunde haben, was sie besonders interessiert und was sie für völlig blödsinnig halten. Wahrscheinlich kann ich von ihnen sogar noch etwas lernen, weil wir uns über unterschiedliche Themen informieren. Jede abgebrochene Diskussion ist somit eine verpasste Chance. Auch für das Berufsleben, auf das unsere „Generation Praktikum“ ja angeblich so fixiert ist, bilden Diskussionen eine gute Gelegenheit zur Schärfung unserer Softskills. Im kleinen Kreis können wir lernen, uns klar auszudrücken, auch mal eine unbeliebte Meinung zu vertreten und andere Ansichten zu tolerieren.

Politik als Alltagsthema

Immer mehr Menschen schimpfen auf „die Medien“, die angeblich nur Lügen oder Halbwahrheiten verbreiten und zur Volksverdummung beitragen. Das einzige, was unsere Gesellschaft wirklich dumm macht, ist fehlende Diskussionskultur. Niemand braucht sich über Politikverdrossenheit zu beschweren, wenn schon unter Freunden Politik kaum eine Rolle spielt. Wenn also das nächste Mal jemand fragt, was ich eigentlich von Pegida, der aktuellen Bildungspolitik, dem neuen Hochschul- oder Landesgesetz halte, gebe ich mich nicht mit oberflächlichen Aussagen zufrieden. Ich frage nach und rede mit meinen Freunden auch mal über Politik.

Von Alina Finke