Film, Drogen, Politik und Deutscher Pop

Sigmar-Polke-Untitled-(Quetta-Pakistan) © The Estate of Sigmar Polke/VG Bild-Kunst Bonn, 2015

Das Museum Ludwig zeigt zurzeit eine Retrospektive des deutschen Multimediakünstlers Sigmar Polke – der sich kunsthistorisch bis heute nicht so richtig einordnen lässt.

Nachdem sie bereits im Museum of Modern Art in New York und im Tate Modern in London gezeigt wurde, ist nun die erfolgreiche Ausstellung „Alibis: Sigmar Polke. Retrospektive“ vom 14. März bis zum 5. Juli im Museum Ludwig zu sehen. Dabei handelt es sich um die erste posthume Retrospektive des 2010 verstorbenen Polke, der heute als einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart gilt. Die Ausstellung berücksichtigt alle künstlerischen Medien, mit denen Polke Zeit seines Lebens gearbeitet hat. Neben der Malerei und den Zeichnungen, durch die der Künstler Anfang der 1960er Jahre bekannt wurde, werden auch seine Installationen, Collagen, Druckgrafiken, Fotografien und nicht zuletzt auch seine Filme gezeigt, die bisher nur vereinzelt öffentlich präsentiert wurden. Während in London und in New York der Fokus der Ausstellung auf Polkes malerisches Werk gelegt wurde, macht die Präsentation im Museum Ludwig deutlich, wie der Künstler die Medien auch miteinander verknüpfte.

Polke bereiste die Welt

Organisiert wurde die Ausstellung von Dr. Barbara Engelbach, Kuratorin für Zeitgenössische Kunst, Fotografie und Medienkunst am Museum Ludwig, die nicht nur einen noch nie da gewesenen Schwerpunkt in Polkes filmischem Werk zeigt, sondern auch die Auswirkung des filmischen Impulses auf das Gesamtwerk des Künstlers betont. Für Sigmar Polke war die Filmkamera ab Mitte der 1960er Jahre bis hin zu seinem Tod ein integraler Bestandteil seiner Kunst. In den 1960er und 70er Jahren reiste Polke durch Afghanistan, Brasilien, Frankreich, Pakistan und Nordamerika, wobei er seine Eindrücke ständig auf Band festhielt. In Quetta, Pakistan, lernte der Künstler beispielsweise die Welt der Drogen kennen – fasziniert beobachtete und filmte er die Rituale der Cannabiszubereitung und des Rauchens. Seine Eindrücke verarbeitete er in seiner Kunst. So beobachtete er auch wie kein anderer Künstler das Zeitgeschehen der Bundesrepublik und reflektiert mit seiner Kunst unter anderem ihre verdrängte Geschichte des Nationalsozialismus.

Neue Materialien verunsichern den Betrachter

Die Ausstellung beginnt chronologisch mit der Konsum- und Warenwelt der Nachkriegszeit, die Polke ironisch als deutsche Antwort auf die amerikanische Pop Art in seinen Gemälden der 1960er Jahre aufgreift. Danach geht es um neue soziale Bewegungen und Subkulturen der 1970er Jahre sowie um Drogen, Sex und Politik, die in Polkes Kunst Einzug halten. Auch im Kollektiv mit anderen Künstlern setzt er die um ihn herum stattfindende Massenkultur in den unterschiedlichsten künstlerischen Medien um. In seinen großformatigen abstrakten Gemälden sind es seit den 1980er Jahren neue Materialien, wie photochemische, wärme- und feuchtigkeitsempfindliche, aber auch giftige Substanzen, die – dadurch dass sie das eindeutig Sichtbare in Frage stellen – eine verunsichernde und ambivalente Wirkung auf den Betrachter haben. Die Ausstellung zeigt insgesamt, wie Sigmar Polke sich durch die permanente Erprobung von neuen Materialien und Techniken immer weiter entwickelt hat, in dem Versuch, sich allen Erwartungen zu widersetzen. Dadurch entzieht sich Polke allen kunsthistorischen Einordnungen, worauf auch der Titel seiner Retrospektive, „Alibis“, anspielen soll.

Von David Fesser