Fluch oder vielleicht doch Segen?

© Javi

Die (Not)lage der Geisteswissenschaftler.

Gerade in Fachrichtungen wie den Geistes- oder Sozialwissenschaften gilt es ausfindig zu machen, welche beruflichen Ziele anzustreben sind. Jeder kommt mit diesem Grad an Eigenverantwortlichkeit anders zurecht. Last oder aber Möglichkeit liegen nah beieinander, wenn es darum geht, seinen persönlichen Berufsweg finden zu müssen beziehungsweise zu dürfen.

Entspanntes Leben? Ja, auch. Aber das ist nicht alles

Wir „Studenten“ – ja… was zeichnet uns eigentlich aus? – Studenten sind fleißig, mal faul. Sie trinken viel Bier (ich korrigiere: sie trinken Kölsch. Am Wochenende, unter der Woche, zwischen den Vorlesungen). Studenten setzen sich in die Bib. An dem ein oder anderen Wochenende besuchen sie gerne die Familie (#HomeSweetHome). Studenten essen in der Mensa, machen Hochschulsport und sehen das Studium als Möglichkeit: Sie bauen sich Netzwerke auf, schlafen außerdem in der Vorlesung ein und sitzen an einem Sommertag lieber gedankenlos auf der Uni-Wiese, während ein Kommilitone die Anwesenheitsliste unterschreibt – ach Blödsinn,  Studenten müssen ja gar nicht mehr zur Uni. Studenten haben sowieso viel, viel frei. Nicht zu vergessen: Studenten haben natürlich die Semesterferien, reisen mit ihrem Studentenausweis durch NRW und besuchen andere Studenten in anderen Studentenstädten. Studenten wohnen außerdem im Studentenheim oder in einer Studenten-WG, essen Studentenfutter und gehen auf Studentenpartys – Studenten genießen eben das Studentenleben!

So zumindest das Klischee. Aber Moment einmals ist ja alles schön und gut und mag im gewissen Ausmaß auf uns zutreffen. Aber: „Wir Studenten“ haben nun einmal auch unsere Sorgen, Entscheidungsprobleme und Befürchtungen.

Fragen über Fragen

Davon gibt es eine Menge, über die wir uns tagtäglich den Kopf zerbrechen können und auf die sich auf Anhieb keine endgültigen Antworten finden lassen. Viele kennen es, manche haben es unbewusst, vielleicht sogar gezielt, vermieden sich mit aufwühlenden Fragen auseinanderzusetzen: Habe ich mit meinem Studiengang die richtige Wahl getroffen? Was wird von mir erwartet? Passt dies mit meinen sonstigen Vorstellungen und Erwartungen zusammen? Wo soll ich Prioritäten setzen? Ist mein zukünftiger Job sicher und wie viel verdiene ich eigentlich? Muss ich Angst haben vor zu viel Konkurrenz? Was genau will ich werden? Soll ich nach dem Bachelor um die Welt reisen? Lieber direkt den Master anfangen? Vielleicht etwas völlig anderes oder eine Ausbildung anschließen? Soll ich die Stadt wechseln? Wo will eigentlich (falls vorhanden) mein Partner hin und sollte ich ihm folgen? Wie soll ich meinem Studium eine Richtung geben? Wie soll ich, will ich und muss ich diese ganzen Anforderungen erfüllen?!  Ein gutes Abitur, Studium, Auslandsaufenthalt, Praktika, soziales Engagement, Workshops, sieben Sprachen, berufliche Erfahrung, Flexibilität, Softskills – die Liste ließe sich vermutlich noch ergänzen.

Gerade Geistes- und Sozialwissenschaftler können die Frage „Aha interessant, und was machst du später damit?“ schon frei mitsprechen, wenn sie jemandem erzählt haben, was sie studieren. Mediziner oder Rechtswissenschaftler haben da schon einen eindeutigeren Berufsweg vor sich. Aber der Weg eines Medienwissenschaftlers, Soziologen oder Studenten der Germanistik ist nicht klar vorgezeichnet.

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Studium – alles in trockenen Tüchern. Oder?

So kann es laufen, das Abitur ist geschafft und der nächste spannende Schritt steht an. Die meisten schauen sich im Internet in der Hochschulwelt um. Einige haben bereits einen bestimmten Studiengang und -ort im Sinn, andere versuchen ihr Glück mit speziellen Suchmaschinen oder Eignungstests. Jeder fragt ein bisschen herum, was die anderen so machen werden. Schließlich wird sich an mehreren Hochschulen beworben und mit nur einem Klick ist ein Studiengang ausgewählt. Und dann? Bewerbungen sind abgeschickt. Spannung macht sich breit. Die Bescheide kommen. Zusagen, Absagen. Dann: Entscheidung treffen. Das passt zu mir, das klingt interessant. Die beschriebenen Module im Internet klingen auch vielversprechend, spannend, relevant. Kleine Zweifel werden zunächst abgetan, mit dem Gedanken: Der Studiengang wird ja nicht umsonst existieren, die werden sich schon etwas dabei gedacht haben ihn anzubieten. In so einem Moment vertrauen wir fast blind darauf, dass wir hinterher schon etwas damit anfangen können und bestimmt noch erfahren werden, was damit beruflich anzustellen ist.

Aber so einfach ist es nicht. Das gesamte Studium ist manchmal eben nur ein Bein – das andere aufzustellen ist dann eine Aufgabe für sich und kann Unsicherheit und Ungewissheit auslösen.

Es existiert kein beständiges Berufsfeld, selten eine Stellenausschreibung, in der speziell Geisteswissenschaftler gesucht werden. Eine längerfristige Berufssuche und Lebensläufe ohne eindeutigen roten Faden sind nicht auszuschließen. Man fühlt sich ein wenig rastlos.

Und nun? Endlos jammern?

Damit wird niemandem geholfen.

Vielleicht sollte sich jeder verunsicherte Student erst einmal darüber bewusst werden, was konkret ihm am Studiengang nicht gefällt. Erst kurz vor dem Bachelorabschluss entscheiden abzubrechen, wäre nicht gerade von Vorteil. Wir benötigen also zunächst den Mumm uns einzugestehen, was wir wirklich wollen. Dann dem Interesse folgen und den Weg dorthin mit viel Eigeninitiative in Angriff nehmen, dabei aber die Vernunft bloß nicht ausklinken.

Das ist natürlich leicht gesagt. Wer sich aber stets mit Klischees wie mit dem des studierten Taxifahrers herumschlägt, dem fällt es auch schwerer, überhaupt Selbstvertrauen aufzubauen. Zu den eigenen Fertigkeiten zu stehen und etwas daraus zu machen, ist dann nicht immer leicht. Aber verharren wir in einer Schreckstarre, strahlen wir nur Unsicherheit aus und stehen uns selbst im Weg. Es geht also auch immer darum, sich selbst zu vermarkten. Zeitmanagement, Kreativität, interkulturelle Fähigkeiten, analytisches Denken, schnelle Einarbeitungsgabe – solche Pluspunkte  erwerben und betonen.

Wichtig ist, die persönliche Neigung und den individuellen Berufswunsch zu kennen, auch, um sich selbst zu motivieren. Außerdem zu wissen, dass sich nicht alle Risiken eliminieren lassen. Und gerade auch aus diesem Grund müssen wir aus unserem Schlupfloch hervorkommen und aktiv am  individuellen Berufsweg arbeiten. Es wäre falsch zu erwarten, dass uns Studenten mit dem Abschluss eine Karrieremöglichkeit nach der anderen in den Schoß fällt. Wenn wir uns jedoch bereits mit der Studienwahl für eine bestimmte Richtung entschieden haben, müssen wir uns über unsere Lage bewusst werden und etwas daraus machen. Schließlich haben wir das Fach nicht umsonst ausgewählt. Etwas steckte dahinter, hat uns angesprochen, dafür haben wir uns tatsächlich mal aktiv entschieden. Also nutzen wir das, suchen wir doch unsere Möglichkeiten und erweitern unser Potential. Die Menge und Bandbreite an Möglichkeiten, die uns als Geisteswissenschaftler zur Verfügung stehen, sind eine Herausforderung, ja, aber sie sind auch eine Chance, an die jeder mit Realitätssinn und Wille herangehen muss.

Von Laurence Boms

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