Wie Bilder das menschliche Handeln bestimmen

Christoph Wulfs neues Werk Bilder des Menschen behandelt das komplexe Thema Bilder und Imagination sowie deren Wirkung auf das alltägliche Leben.

Christoph Wulf: Bilder des Menschen. Imaginäre und performative Grundlagen der Kultur, transcript, Bielefeld 2014, 27,99 Euro.
Christoph Wulf: Bilder des Menschen. Imaginäre und performative Grundlagen der Kultur, transcript, Bielefeld 2014, 27,99 Euro.

Welche Rolle spielen Bilder in unserem Leben? Was sind Bilder überhaupt? Wie manifestieren sie sich? Die Antworten zu diesen Fragen sind komplex. Bilder offenbaren sich in allen möglichen Formen. Es gibt innere und äußere Bilder: Innere stellen wir uns vor, während wir äußere wirklich sehen. Sie formen den Menschen, erzeugen Emotionen und beeinflussen das soziale und kulturelle Handeln. Und sie sind überall.

Christoph Wulf, Professor für Anthropologie und Erziehung an der Freien Universität Berlin, geht in seinem kulturwissenschaftlichen Werk Bilder des Menschen der Frage nach, welche Arten von Bildern existieren und welche Bedeutung sie für das alltägliche Leben des Menschen haben. Hierbei greift er zuweilen auch auf andere Disziplinen wie die Wahrnehmungspsychologie und Gehirnforschung zurück. Er verdeutlicht seine Erkenntnisse mit anschaulichen Beschreibungen der verschiedenen Bildgattungen und an einigen Graphiken.

Nach Wulf wird die Welt durch Imagination erzeugt. Sie ist eine Bedingung des Menschen. Er benötigt sie, um Vergangenes zu verarbeiten, Wünsche auszudrücken und sich die Zukunft vorzustellen. Wulf unterscheidet viele verschiedene Arten von Bildern: mentale Bilder wie Träume, manuelle Bilder wie Bühnenbilder oder technische Bilder wie Videos.

Was alle diese Bilder gemeinsam haben, ist, dass die Imagination Abwesendes erscheinen lässt. Das Abwesende wird also zum Anwesenden. Hierbei differenziert Wulf Vorstellungs- von Wahrnehmungsbildern. Zu den Vorstellungsbildern gehören Erinnerungs- und Zukunftsbilder, die auf Wahrnehmungen beruhen. Dabei ist jede Erinnerung eine Rekonstruktion des Vergangenen. Bei der Projektion zukünftiger Ereignisse wird der Imagination mehr abverlangt: Die Bilder sind meistens unschärfer als bei der Erinnerung. Aber auch in der alltäglichen Wahrnehmung arbeitet der Mensch mit Imagination: Unvollständige Impressionen ergänzt er durch erdachte Bilder.

Im weiteren Verlauf des Buches geht Wulf auf das mimetische Lernen ein, das heißt das kreative Nachahmen, wodurch soziale und kulturelle Praktiken erlernt werden. Dies geschieht durch Familienrituale, Gesten oder Spiele.

Wulf stellt das interessante Thema ausführlich dar und unterteilt die Komplexität der Bilderwelt in sinnvolle Kapitel. Durch die vielen verschieden Bildarten, deren Entstehung und Interaktion kann allerdings leicht Verwirrung aufkommen. Es wird aber deutlich: Bilder entstehen  auf unterschiedlichste Weise und beeinflussen unsere Emotionen und Handlungen wesentlich.

Von Vera Kleinken