Wie weit darf die Presse gehen?

AStA lädt Medienexperten zu Diskussionsrunde ein.

Fast alle haben die Nachrichten über den Absturz der Germanwings-Maschine mitverfolgt, haben im Fernsehen gesehen, wie Journalisten sich vor das Joseph König-Gymnasium in Haltern drängten oder sich vor Andreas Lubitz‘ Elternhaus versammelten. Die meisten haben auch den Skandal um Christian Wulff mitbekommen und waren jederzeit bestens über den Stand seiner Ehe informiert.

Private Details machen heutzutage einen großen Teil der Berichterstattung aus. Mit einer Diskussionsrunde beleuchtete der AstA am 15. Juni das Verhältnis von Persönlichkeitsrecht und Pressefreiheit. Die Veranstaltung stand unter dem Titel „Sensationsgier vs. Seriösität der Medien“ und wurde von Lusalla Nzanza, Mitglied des AStA, organisiert.

Die Gäste stammen aus unterschiedlichen Teilen der Medienlandschaft: Susanne Gaschke (Publizistin, Journalistin ehemalige Oberbürgermeistern von Kiel, SPD), Thomas Lückerath (Chefredakteur und Geschäftsführer des Online-Medienwirtschaftsmagazins DWDL.de) und Ralf Höcker(Professor und Anwalt für Marken- und Medienrecht). Moderiert wird die Diskussion von Marlene Mengue und Carolin Blefgen vom Kölncampus.

Die erste Frage, wo Pressefreiheit aufhöre und Persönlichkeitsrechte anfingen, richtet sich an Susanne Gaschke. Eine genaue Antwort darauf gibt sie nicht, fordert aber einen sensibleren Journalismus. Da sie ihre Amtszeit als Kieler Oberbürgermeisterin wegen einer Steuerkontroverse, die in den Medien heftig diskutiert wurde, frühzeitig beendet hat, kennt sie sowohl die Seite der BerichterstatterInnen, als auch die des „skandalisierten Selbst“.
Ralf Höcker, der unter anderen Heidi Klum und Jörg Kachelmann vertritt, erklärt, dass es  keine Pauschalantwort gibt. Man müsse Persönlichkeitsrechte und öffentliches Interesse jedes Mal neu abwägen. JournalistInnen sollten sich jedoch bewusst sein, dass Anschuldigungen nur veröffentlicht werden dürfen, wenn objektive Beweise vorliegen und die Betroffenen die Möglichkeit bekommen, Stellung zu beziehen.  Er kritisiert, dass Journalistenschulen nicht genug auf Medienrecht und -ethik eingehen würden. Vielen Absolventen wären ihrer Rechte und Pflichten nicht bewusst. Lückrath hingegen appelliert an die journalistische Eigenverantwortung und stellt fest, dass der Journalismus gewissenlos geworden sei.

Mit der Frage, ob Berichterstattung nicht auch eine Form der Abschreckung sein und einen moralischen Lerneffekt haben könne, regen die Moderatorinnen eine Diskussion über die Rolle der JournalistInnen an. Gaschke spricht sich klar gegen einen „Medienpranger“ aus. Die Aufgaben des Journalismus seien saubere Recherche, Aufklärung und Berichterstattung. Moralische Wertungen dürften nur in als solchen gekennzeichneten Kommentaren auftauchen.

Höcker ist ähnlicher Meinung. Er erinnert daran, dass Medien entgegen der allgemeinen Auffassung neben Exekutive, Judikative und Legislative nicht die vierte Instanz sind. „Die Presse wird freundlicherweise im Grundgesetz genannt; das werden Karnevalsvereine auch und halten sich trotzdem nicht für die vierte Instanz“, sagt er.

Anschließend an die Podiumsdiskussion können sich auch die Zuschauer mit einbringen. Sie stellen Fragen über den Einfluss der Politik auf die Presse oder die Rolle des Internets. Lückerath merkt an, dass die Zeitungen einem Online-Zwang unterliegen, der das Nachrichtenangebot vervielfacht habe. Hauptziel des Journalismus sei jedoch nicht mehr die Qualität, sondern eine möglichst große Reichweite. Letzteres habe sich besonders im Printjournalismus verschlechtert. Zeitungen hätten Angst, aus der Masse  herauszustechen, was die Berichterstattung sehr einseitig mache. Lückerath fordert, dass Medienklarer Position beziehen. Auch Gaschke kritisiert die „Mittigkeit“ des Journalismus und findet, die Medien sollten sich wieder gegenseitig kritisieren.

AstA alle

Von links: Marlene Mengue, Thomas Lückerath, Susanne Gaschke, Lusalla Nzanza, Ralf Höcker, Carolin Blefgen.

Von Fatima Grieser