Von Nostalgie und Hoden

Michelle Steinbeck liest. Foto: Silviu Guiman

Die erfolgreiche Lesungsreihe Land in Sicht fand sich am 19. November wieder mit vier talentierten AutorInnen im Café Fleur in Köln ein.

Nachdem die Lesung schon hätte anfangen sollen und alle Plätze lange besetzt waren, kamen noch immer Literaturbegeisterte in dem gemütlichen Café an und suchten sich eine Ecke oder einen Stehplatz. Nach einigen unruhigen Minuten der Warterei betraten die ModeratorInnen Kevin Kader und Lara Schmitz die Bühne und eröffneten die Lesung.

Liebevoll sagte Schmitz ihre beste Freundin und gleichzeitig erste Autorin des Abends an. Gesa Jessen, die Kunstgeschichte und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Berlin studiert, las ihren Prosatext, „Den Erben lass verschwenden“. Der Protagonist Theo erinnert sich nostalgisch an seine Abiturzeit zurück, in der er bei einem Magazin für Dichtung mitwirkte. Er und sein Freund durchlebten Jugend- sowie literarische Probleme, wie die erste Verliebtheit und das Zweifeln an den eigenen Schreibfähigkeiten. Jessens verspielte Geschichte stellte einen gelungenen Einstieg in den Abend dar.

Tilmann Strasser, der Kreatives Schreiben in Hildesheim studierte und 2015 seinen ersten Roman Hasenmeister herausbrachte, las mit tiefer Stimme aus dem amüsanten ersten Kapitel seines zweiten, noch titellosen Buchs. Es handelt von der plötzlich verstorbenen „seltsamen Isa“, auf deren Beerdigung der Roman anfängt. Diverse männliche Schulkameraden sprechen über ihre sexuellen Aktivitäten mit ebendieser Isa. Ein weiterer Gast, „Gangster-Renate“, verdammt die ganze Beerdigung und alle Menschen überhaupt und reimt in ihrem Kopf HipHop-Verse. Ihr Rap über „Nüsse, Eier, Hoden und Sack“ kam beim Publikum im Café Fleur besonders gut an.

Internationalen Besuch bekam Land in Sicht diesmal von Michelle Steinbeck aus der Schweiz. Sie studierte Literarisches Schreiben und 2016 wird ihr erster Roman erscheinen. Zuerst trug die 1990 geborene Autorin einige ihrer Gedichte vor, die ersten auswendig und mit intensivem Blickkontakt zum Publikum. Ihre Lyrik über Liebe und Kinder war nicht gerade das, was die Zuhörer erwarteten. Die ironischen Gedichte mit schwarzem Humor, die Steinbeck mit einer brillanten Neutralität vortrug, führten im Publikum zu Gelächter und Verwirrung zugleich. Ihr Auszug aus dem neuen Roman führte mit dieser erfrischenden Ungewöhnlichkeit fort.

Rick Reuther studiert Sprachkunst in Wien und führte einen Essay aus dem Band „Alles ist spannend“ auf, der einer Performance gleich kam. Thema ist der Konflikt des privilegierten weißen Mannes und Rassismus gegenüber gesellschaftlichen Minderheiten. Reuther fing an mit „Ich wäre gerne schwarz…“ und beschreibt in seinem Text sein Bewusstsein darüber, dass er sich nie wie ein Unterdrückter anhören wird. Mit Witz, Provokation und Ernsthaftigkeit wechselt er zwischen seiner Gesellschaftskritik und der Reflexion seines Textes und des Schreibprozesses. Aufgrund der schnellen Geschwindigkeit seines Sprechens, das an Rap erinnerte, und der Komplexität des Inhalts, fiel es manchmal schwer zu folgen.

Land in Sicht konnte erneut mit einer tollen Auswahl an AutorInnen überzeugen, die mit sehr unterschiedlichen Texten einen abwechslungsreichen Abend gestalteten.

Die nächste Lesung findet am 17.12.2015 statt.

Von Vera Kleinken