Aus der Sicht eines Flüchtlings

Abbas Khider. Foto: Peter-Andreas Hassiepen

Abbas Khider liest aus seinem Roman Ohrfeige.

Immer noch beherrscht das Thema Flüchtlinge die Medien. Dabei vergessen wir leicht, dass Geflüchtete in Deutschland eigentlich nichts Neues sind. Schon vor Jahrzehnten haben Menschen hier Zuflucht vor Kriegen und Diktaturen gesucht. Zu diesen Menschen gehört auch der Autor Abbas Khider, der im Jahr 2000 Asyl in Deutschland fand. Am 10. Mai las er als Gast des Literaturhauses Köln im Rautenstrauch-Joest-Museum aus seinem neusten Roman Ohrfeige, erzählte von seinen eigenen Erfahrungen als irakischer Flüchtling und diskutierte mit Hubert Spiegel von der FAZ über die aktuelle Flüchtlingssituation.

Mit Ohrfeige verleiht Khider Flüchtlingen eine Stimme. Er macht Menschen aus den Zahlen, die wir in den Nachrichten hören, und zeigt, wie sich Machtlosigkeit anfühlt. Es geht um den jungen Iraker Karim, der Ende der neunziger Jahre nach Deutschland kommt, um der irakischen Armee nicht beitreten zu müssen. Denn Karim hat ein Problem: Aufgrund einer Hormonstörung ist ihm ein Busen gewachsen und er fürchtet sich vor dem Spott und der Gewalt der anderen Soldaten. In Deutschland will Karim Arbeit finden, um sich eine Schönheitsoperation finanzieren zu können. Das Leben gestaltet sich hier jedoch schwieriger als erwartet.

Khider wollte mit Karim eine „unvergessliche literarische Figur“ erfinden und Schubladen aufbrechen, erklärt er. In der Gesellschaft spräche man nur von Menschen, die vor Gewalt fliehen. Dabei gäbe es eine Vielzahl von Gründen für eine Flucht. Das möchte er am Beispiel Karims zeigen. Außerdem kritisiert er die Administration in Deutschland, die Menschen zu Akten mache, die verwaltet werden müssen. Sein Protagonist Karim wird von einer Flüchtlingsunterkunft in die nächste gebracht, ohne zu wissen, warum und wohin er geht. Während seiner ganzen Zeit in Deutschland fühlt sich Karim, als stünde er unter Generalverdacht. Bei jeder Polizeikontrolle ist er derjenige, der seinen Ausweis vorzeigen muss, während die Polizei hellhäutigen Menschen keine Beachtung schenkt. Diese Erfahrung hat Khider, der die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, aus seinem Alltag entnommen: „Wir leben im 21. Jahrhundert und immer noch geht es um Farben.“

Im Roman kämpft Karim nach dem Anschlag auf das World Trade Center 2001 mit noch mehr Vorurteilen und Misstrauen. Er wird mit dem Ende von Saddam Husseins Diktatur schließlich abgeschoben und soll in seine vom Krieg zerrüttete Heimat zurückkehren. Jedes politische Ereignis, egal, ob es sich in New York, Paris, Köln oder Bagdad abspielt, wirke sich auf das Leben und die Position der Flüchtlinge aus, erklärt Khider. Er fragt sich, warum Flüchtlinge sich überhaupt integrieren sollen, wenn ihnen ohnehin eine Abschiebung droht, und warum niemand fragt, wie sie sich fühlen. „Ich habe keine Antwort darauf“, sagt er, „ich stelle nur Fragen.“ Er ist sich jedoch sicher: „Wenn Menschen als Menschen anerkannt werden, können viele Probleme gelöst werden.“ Mit dem, was Khider schreibt und sagt, stellt er die Flüchtlingssituation aus einer anderen Perspektive dar. Er erinnert daran, dass sich die „Flüchtlingswelle“ aus Individuen zusammensetzt, die alle unterschiedliche Geschichten, Träume und Hoffnungen haben.

Von Fatima Grieser