How to get away with murder

Oder: Der Versuch, mit einer neu entdeckten Serie auf der WG-Party doch ein paar Pluspunkte zu sammeln.

Foto: ABC Studios
Foto: ABC Studios

Ich befinde mich mal wieder auf einer dieser langweiligen WG-Partys, die einfach nicht so richtig in Schwung kommen wollen. Denn Smalltalk liegt mir gar nicht — wir wissen schließlich alle, wie das Wetter draußen ist und wer traut schon dem Bericht für morgen? Gelangweilt stehe ich in der Ecke und nippe an meinem Sektglas. Da höre ich eine Unterhaltung über Serien und stürme vor. Endlich ein Thema bei dem ich gerne mitrede. „Ich habe da eine ganz tolle Serie entdeckt“, schreie ich und halte mich dabei für absolut großartig. Die Gesichter wenden sich mir zu und mit einem stolzen Lächeln verkünde ich den Titel: „How to get away with murder“ (HTGAWM). Die Leute bleiben skeptisch:

„Worum geht es?“

„Total spannend. Um Mord, vermisste Personen, schuldige Verbrecher und um Konkurrenzkampf“, ich merke, dass ich nicht gut darin bin, die Handlung wiederzugeben, als die ersten Leute unauffällig flüchten. Dabei gebe ich mein Bestes.

Eine Universitätsprofessorin, fünf Elitestudierende, zwei Verbrechen, einige Verdächtige — aber wie viele Täter? Es geht um das Verschwinden von Lila Standgard (Megan West) und um den Tod eines Mannes, dessen Leiche in der Pilotfolge beseitigt wird. Es geht um das Leben der scheinbar brillanten Annalise Keating (Viola Davis), um ihre Vorlesungen, ihre Fälle im Gerichtsaal und um ihre Studierende. Fünf von ihnen hat sie auserwählt, um in ihrer Kanzlei zu helfen: Den Außenseiter (Alfred Enoch), das Papa-Söhnchen (Matt McGorry), die Karrierefrau (Aja Naomi King), das nette Mädchen von Nebenan (Karla Souza) und Prince Charming (Jack Falahee). Mit dem Ziel zu gewinnen, stellen sich die Charaktere den Fällen und ihren eigenen Problemen. Immer weiter werden sie auch in die beiden Hintergrundfälle verstrickt.

„Braucht das Fernsehen wirklich noch eine weitere Krimisendung?“

„Die hier ist anders!“, verkünde ich meinem gelangweilten Zuhörer. „Wirklich.“ Ich fasse es nicht, dass ich auf taube Ohren stoße, schließlich spreche ich mit Menschen, die Breaking Bad und Game of Thrones (erst) letztes Jahr entdeckt haben.

Eine weitere Krimiserie scheint das Letzte zu sein, was das Fernsehen gebrauchen kann – vor allem das deutsche Fernsehen scheint überfüttert mit englischen und amerikanischen Serien, deren Handlung immer die gleiche ist: Mord, Hinweise, Ermittlung, total überraschender Tätertwist, Ende. HTGAWM spielt mit diesem Schema F, aber läuft nicht nach ihm ab. Auf den ersten Blick scheinen die fünf Studenten Wes, Asher, Michaela, Laurel und Connor reinen Klischees zu entsprechen, aber sie bleiben nicht auf diesen Klischees sitzen. Ein gutes Drehbuch und talentierte SchauspielerInnen geben den Figuren ihre individuelle Note und damit ihre Authentizität. Ja, auch ein Macho kann sich verlieben. Komplett ehrlich wird er dadurch aber nicht. Ja, der Außenseiter wird immer zum Anführer der Gruppe. Aber nicht automatisch ein guter. Ja, eine ehrgeizige Studentin ist zielstrebig. Aber in Krisensituationen nicht immer die beste Ansprechpartnerin. Wie immer hat jeder seine eigenen Motive, was die Gruppe explosiv macht und zur spannenden Interaktion mit unterschiedlichsten Nebencharakteren führt.

Die Serie lebt aber nicht nur von ihren Charakteren oder den schnellen, schlagfertigen Dialogen, sondern auch von dem Handlungsbogen. Standardmäßig beginnt es mit einem Vorausblick: Die Beseitigung einer Leiche durch die Hauptcharaktere. Aber anstatt die Tat Schritt für Schritt aufzuklären gibt die Serie erst allmählich verschiedene Perspektiven frei und beweist damit, dass Wahrnehmung ein viel wichtigerer Teil in einer Geschichte ist als Tatsachen.

So eine Krimiserie sollte im deutschen Fernsehen nicht fehlen: ein Zusammenspiel aus guten Charakteren, mehreren spannenden Geschichten, die irgendwie zusammenhängen und einem besseren Soundtrack als in manch anderer Serie.

„Aber was genau unterscheidet diese Serie von anderen?“

Vielleicht würde ich etwas weniger enthusiastisch um diese Serie kämpfen, wenn mir nicht so viele Skeptiker gegenüber stehen würden, die sich lieber über das Wetter unterhalten möchten. Die sind doch einfach so verwöhnt, dass sie eine gute Serie nicht mal erkennen würden, wenn sie ihnen ins Gesicht springt.

Diese Serie weiß, wo sie hin will. Noch erweckt sie nicht den Ein- druck als würde sie Lückenfüller benutzen. Darüber hinaus diskutiert sie spannende Fragen wie moralisches Handeln, Schuld, Verantwortung und Loyalität – ohne dabei dröge zu werden. Die Produzenten (Betsy Beers, Peter Nowalk, Shonda Rhimes) planen im Voraus, lassen keine Logikfehler zu, ziehen nichts in die Länge und opfern ihre Handlung nicht für billigen Humor oder langgezogene Liebesgeschichten. Es ist ein fulminantes Zusammenspiel aus Criminal Minds, Gossip Girl und Sherlock – und gerade die Unmöglichkeit dieser Mischung macht die Serie spannend.

„Der Inhalt ist also gut. Schön. Was ist mit dem Rest?“

Als könnte jeder Game of Thrones-Fan die Schnittechnik der Serie erläutern. Was ist das? Ein Verhör?

Die Schnitte, die Erzählweise und die Kameraführung sind grundsätzlich sehr schnell. Manchmal irritiert das. Auch wird zwischen den verschiedenen Zeitebenen teilweise fließend gewechselt. Die Serie ist nichts für zwischendurch, denn sie braucht Konzentration. Auch um die Hinweise zu verstehen und die Zusammenhänge zu verknüpfen. Wirken tut HTGAWM durchgängig düster, wenn auch hin und wieder durch helle Momente durchbrochen.

„Wie kommt man den jetzt mit Mord davon?“

„Tja“, sage ich nur und lächele. „Wenn ihr das herausfinden wollt, müsst ihr schon die Serie schauen.“ Eindrucksvoll drehe ich mich um und verlasse die Party in dem Versuch, genauso geheimnisvoll zu wirken wie Annalise Keating.

Von Jane Escher

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