Mehr als nur ein Screenshot

Foto: Deryck Hodge

Von der Kunst des virtuellen Fotografierens.

Was sich seit vielen Jahrzehnten in der realen Welt als Kunstform etabliert hat, versucht nun auch im virtuellen Raum Fuß zu fassen: Immer mehr In-Game-FotografInnen gehen auf Bilderjagd in Spielen wie Life is strange, Fallout, oder Grand Theft Auto (GTA) und zeigen, dass virtuelles Fotografieren mehr sein kann, als bloß ein unüberlegter Tastendruck. Denn seit einem Jahrzehnt macht das Computerspiel eine rasante grafische Entwicklung durch: Virtuelle Welten sind heute so realistisch wie nie zuvor und bieten den SpielerInnen dadurch atemberaubende Kulissen für Fotomotive.

„Fotografieren heißt die Welt sammeln“ (Susan Sontag)

Vor allem Open-World-Games, welche sich durch die große, genretypische Bewegungsfreiheit der User auszeichnen, laden zum Erkunden der Spielwelt ein. In der Welt von GTA bewegen sich die SpielerInnen auf der fiktiven Insel Los Santos, einem 150 km2 großen Areal, das sich durch seine ästhetischen Details und die atmosphärische Gestaltung hervorhebt. So stößt man bei einem Streifzug über die Insel auf die ein oder andere schöne Ecke, wird Zeuge eines perfekten Farbspiels der untergehenden Sonne oder eines besonders eindrucksvollen Blitzeinschlags, den man gerne fotografisch festhalten würde. Ob über eine körperlose Kamera oder in Form verschiedener Interfaces (wie z.B. einer virtuellen Handykamera) – den KünstlerInnen sind bei der Herangehensweise und der Motivsuche keine Grenzen gesetzt.

Fotorealistische Hochglanz-Aufnahmen

Erfolgreicher Fotograf und Mitbegründer der Szene ist Duncan Harris. Seine Aufnahmen sind so hochwertig, dass er noch vor dem offiziellen Release der Spiele von den Herstellern darum gebeten wird, diese zu fotografieren. Im Internet veröffentlicht der Künstler nicht nur seine Werke, sondern auch die dazu verwendeten Grafikeinstellungen und Cheats und animiert die Community auf diese Weise zur Nachahmung. Durch bestimmte Modifikationen lässt sich beispielsweise der Sättigungsgrad der Farben verändern oder die Kamera völlig von der Spielfigur entkoppeln, wodurch auch Panoramaaufnahmen und außergewöhnliche Perspektiven möglich werden.

Schattenseiten der virtuellen Realität

Foto: Deryck Hodge
Foto: Deryck Hodge

Schon oft geriet die GTA-Reihe nicht nur aufgrund der Gewaltdarstellungen und der kriminellen Handlung in die Kritik, sondern auch aufgrund der Gestaltung der Figuren und deren jeweiliger ethnischer Herkunft. Auf KritikerInnen wirkt diese oft klischeehaft, aber laut dem dänischen In-Game-Fotografen Morton Rockford Ravn wird die Sozialkritik des Spiels missverstanden. Ihm geht es nicht darum, Hochglanzaufnahmen zu erschaffen, sondern die Schattenseiten der virtuellen Realität möglichst authentisch zu dokumentieren.

Dazu begibt er sich in GTA V auf die Suche nach besonders unheimlichen, skurrilen und gesellschaftskritischen Szenen, um „the existential despair of virtual reality“ fotografisch festzuhalten. Seine Werke zeigen Autounfälle, verlassene Tankstellen und Industriegebiete, Trailerparks, Bettler und Obdachlose, Kriminelle, Straßenprostitution, mexikanische Gastarbeiter oder skurrile Personen aus sozialen Randgruppen. Da alle Bilder ausschließlich mit der im Spiel integrierten virtuellen Handykamera im Schwarzweißmodus aufgenommen werden, wirken sie umso mehr wie düstere Schnappschüsse.

Nicht selten üben seine Werke Kritik an den sozialen Gegensätzen, die auch im realen Amerika eine Herausforderung darstellen. Ravns Interpretationen der Spielwelt lassen diese wie ein trostloses Abbild der Realität erscheinen.

Ist In-Game-Fotografie Kunst?

Auch wenn die Spielwelten und deren Ästhetik von GrafikdesignerInnen und ProgrammiererInnen erschaffen wurden, liegt es an den In-Game-FotografInnen, diese zu erkennen und interpretativ in Szene zu setzen. Genau wie bei der klassischen Fotografie der realen Welt kommt es auch hier auf die Perspektive, den gewählten Bildausschnitt, die Komposition und vieles mehr an. Oftmals wird auch der Facettenreichtum der virtuellen Fotografie unterschätzt. Nicht jede simple Kopie einer programmierten Pixel-Welt wird zu einem Kunstwerk. Ob virtuelle Fotografie Kunst sein kann, hängt eher damit zusammen, mit welcher Motivation ein Bild entsteht und wie eine bestimmte Botschaft übermittelt wird. Manchmal entstehen dadurch ganz neue Einsichten in Spielwelten, die beim einfachen Spielerlebnis untergehen.

Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt

Noch steckt die virtuelle Fotografie in ihren Kinderschuhen und nur wenige In-Game-FotografInnen schaffen virtuelle Werke auf einem künstlerischen Level. Man kann jedoch gespannt darauf sein, wie sich die In-Game-Fotografie in Zukunft entwickeln wird, wenn Computerspiele noch aufwendiger und realistischer werden, als sie es heute schon sind.

Von Natalja Tschupin