#verwelkt

Ein winterlicher Balkon. Foto: Clara Bolin

Balkonbilanz der Sommermonate.

Juni. Lernstress. Warme Sonnenstrahlen.

Der mutige WG-Bewohner wagt sich bei diesem Klima erstmals nach der langen Winterpause auf den Balkon. Das Altglas der vergangenen Monate belegt gut die Hälfte der Fläche und auf dem kaum wiedererkennbaren Tisch sammeln sich die Kippen der RaucherInnen. In dieser Situation sind Taten gefragt und somit wird auf- geräumt, geputzt und weggeworfen.

Juli. Sommer. Semesterferien.

Mit einem sauberen Balkon startet die Sommersaison. Gelernt wird immer häufiger draußen, nur das Grau in Grau an Wand, Boden und Geländer stört das erschöpfte Studentenauge. Also wird wie jedes Jahr gegoogelt: „Nord-Ost- Balkon“, „winterharte Balkonpflanzen“, „mehrjährige Pflanzen“. Zwischen Rewe und Real wird nach günstiger Blumenerde gesucht und diskutiert, inwiefern sich ein erneuter Versuch, Petersilie anzupflanzen, lohnt. Immerhin: Aus dem Grau wird Braun.

August. Hochsommer. Grün in Grün.

Mittlerweile wird der Balkon täglich frequentiert, um das Millimeterwachstum von Rucola, Lollo Rosso und Radieschen zu verfolgen. Zu einem zarten Grün gesellt sich das Gelb der Blüten. Die Wochenendfrühstücke sind nun endgültig auf den Balkon verlegt worden und es herrscht jubelnde Glückseligkeit, als die ersten Ableger des Rosmarins entdeckt werden.

Mit dem Absinken des Thermometers kommt der Druck den Sommer festhalten zu wollen. Ein letztes Mal wird im See gebadet, ein letztes Mal im Park gegrillt, die kurze Hose angezogen, Bötchen gefahren und die Slackline gespannt. Bald schneidet schon niemand mehr die verblühten Köpfe ab. Der Rucola versinkt im Regenwasser. Der Zigarettenberg beginnt wieder anzuwachsen.

Oktober. Bunte Blätter. Kastanien.

In Sommernostalgie schwelgend kommt bei Kürbissuppe und Federweißem die Erinnerung an die Radieschen. Mit Schal und Mütze bewaffnet beginnt das Balkon- Wagnis. Vorbei an verdorrten Rucolablättern, abgeernteten Salatstummeln, braunen Zierblumen hin zu dem einzigen essbaren Radieschen. Verdorrt und verwelkt bleibt auch dieses Jahr die Balkonbilanz. Nun erstmal die Winterpause.

Von Clara Bolin