Vive les révolutionnaires!

Ein von Linksradikalen besetztes Haus. Foto: Jane Escher

Über das facettenreiche Leben eines linksradikalen Anarchisten zwischen militanter Distanz und kultureller Bereicherung.

Die schwarze Fahne der Freiheit schwenkt er über seinem Kopf, den Rucksack hält er als Schutzschild vor seinen Körper. Sein Gesicht ist vermummt, er ist zum Losschlagen bereit: Gegen den Faschismus, gegen die Masse und für die Genossen, die einen Steinwurf entfernt von den Gegnern verprügelt werden. Ein Blick zu seinen Freunden aber zeigt, dass er alleine steht. Hinter ihm haben sie einen Halbkreis gebildet, schwarz gekleidet wie er, aber mit zu großer Angst vor dem letzten Schritt. Zögernd tritt auch er zurück und wird unsichtbar. Kurz stand Chris F. zwischen Traum und Realität, doch der Moment geht vorbei und schon ist er nur noch einer von vielen linksradikalen KämpferInnen bei irgendeiner Demonstration.

Chris sieht sich gerne als einsamer Kämpfer in einer Schlacht für grundlegende Werte und gegen die Repression. Für Selbstbestimmtheit und gegen Staatsmacht. Er will zeigen, wie weit er für diese Werte zu gehen bereit ist und beweisen, dass seine Gegner noch weiter gehen. Dabei wird auch ein anderes Bild sichtbar: Die Umrisse einer Bewegung, die als linksradikal bekannt, aber viel facettenreicher ist, als sie auf den ersten Blick erscheint.

Linksradikal dagegen oder dafür?!

Denn der Linksradikalismus besteht aus zahlreichen Ideologien, die sich im Laufe der Zeit in viele Richtun- gen entwickelt haben: Sozialisten, Kommunisten, Anti-Deutsche und Anarchisten. Alle Genossen eint die Vorstellung von einer Welt, die das kapitalistische System überwunden hat. An Reformen glauben sie nicht mehr. „Keiner von uns möchte ein sinkendes Schiff flicken. Veränderung kann nur durch Revolution geschehen“, ist eine beliebte Phrase bei jenen, die im autonomen Zentrum zusammensitzen, Kicker spielen und über das Leben reden. Über die Methoden, die Umsetzung und die Zeit nach dieser Revolution sprechen sie auch. Doch da herrscht Uneinigkeit.

Als Anarchist gehört Chris zu den wütenderen Stimmen und damit zu jenen, die auf Demonstrationen immer vorne stehen, um ein Statement zu setzen. Und trotz des Zögerns vor dem letzten Schritt bleibt der Moment zwischen den Fronten für Chris immer der wichtigste. „Als Anarchist glaube ich einfach nicht an staatlich, zentralistisch geregelte Ordnungen, aber eben auch nicht an den Pazifismus als Mittel der Veränderung.“ Als linksextrem würde er sich nicht bezeichnen, weil er das als einen staatlich geprägten Begriff begreift, der die Bewegung auf Methoden reduziert.

Distanzierung

Aber auch andere stehen mit Chris auf der Straße. Jene, die nicht schwarz vermummt auf den ersten Schlag warten, sondern mit Plakaten friedlich für ihre Ideale einstehen. Felix W.*, Mitglied der linksjugend [’solid] in Aachen, ist einer von ihnen. Er erzählt die Ereignisse der gemeinsamen Demonstrationen anders: „Chris und seine Freunde haben nicht darüber nachgedacht, dass es nicht im Interesse der Polizei lag Gewalt anzuwenden. Nur durch ihr Auftreten haben sie das provoziert und unserer Sache damit mehr geschadet als genützt.“ Auch Felix lehnt militante Aktionen nicht ab, aber er will die Gesellschaft lieber mit den gegebenen Mitteln ver- ändern und nicht bloß gegen diese sein, wie er erklärt. Er zeichnet da- her ein anderes Bild von Chris und jenen, die mit ihm vorne stehen. Es ähnelt dem gesellschaftlich weit verbreiteten Bild der Linksradikalen: Einer strukturlosen, unorganisierten Masse, die nicht zielführend handelt und das scheinbar auch nicht kann, weil sie keine feste Gruppierung bildet.

Wenn Chris die anderen trifft, dann tut er es im Antifaschisten Arbeits- kreis, im autonomen Zentrum oder bei spontan organisierten Aktionen. Diese Räume teilen sie sich mit anderen und die Übergänge zwischen den Gruppen sind immer fließend. Dem Verfassungsschutz sind in Deutschland in den letzten vier Jahren zwischen sieben und acht- hundert Anarchisten bekannt geworden. Eine kleine Menge – ob sie nicht größer ist, weil die Anarchisten lieber unter sich bleiben, weil sie nicht nach Maßstäben der bürgerlichen Gesellschaft erfassbar sind, weil Spontanaktionen ihre Methode darstellen – oder ob es einfach nicht mehr gibt, bleibt offen. Aber es gibt sie und sie glauben an ihre Überzeugungen und ihre Methoden.

Chris und Felix sind nur zwei Stimmen in einer großen Bewegung, die sich durch die Gesellschaft zieht und kleine Eindrücke hinterlässt. Nach einer Studie der Freien Universität Berlin finden immer mehr links- extremistische Gedanken Zugang in die Mitte der Gesellschaft und auch die linksradikalen Gewalttaten sind ihren Auswertungen zufolge in den letzten 15 Jahren deutlich an- gestiegen. Der Verfassungsschutz konnte 2014 dem linken Spektrum 7.600 gewaltorientierte Individuen zuordnen. „Ich glaube eigentlich nicht, dass die Gesellschaft uns als Gewaltverbrecher wahrnimmt, aber leider auch nicht als Weltveränderer. Eigentlich ignoriert man uns gerne“, zieht Chris sein Fazit aus Studien wie diesen.

Kulturelle Bereicherung

Entmutigen lässt Chris sich davon nicht. Schließlich geht es um seine Chance, Dinge zu verändern. Da- rum steht er auch mit Felix in der Kälte und verteilt Flyer gegen Patriarchalismus, hilft bei der Fahrradwerkstatt für Geflüchtete und schreibt einen politischen Blog. Außerdem diskutiert er gerne auf den Straßen; bleibt aber jemand bei ihm stehen und erkundigt sich, warum er die schwarze Fahne trägt, fällt Chris‘ Antwort schlicht aus: „Für ein selbstbestimmtes Leben.“ Diese gewaltfreien Facetten seines Aktivismus zeigen, dass sein Kampf gegen den Kapitalismus und für eine neue Gesellschaft auch andere Seiten hat. Die autonomen Zentren sind selbstorganisierte Orte für Konzerte, Diskussionsrunden, Kurse, Vorträge und manchmal sogar Schlafplätze. Bei Veranstaltungen übernimmt Chris häufig die Schicht um vier Uhr morgens. Zahlreiche Flyer prangern an, was andere nicht wahrnehmen. Chris hilft bei der Verteilung. Die Demonstrationen gegen rassistische, frauenfeindliche Gruppen machen auf das aufmerksam, was andere nicht zu verhindern wissen. Chris bleibt vorne dabei. Und so be- reichern er, Felix und ihre Genossen unter anderem durch kulturelle Angebote hin und wieder eine Gesellschaft, von der sie sich eigentlich distanzieren wollen.

Aber der gemeinsame Traum bleibt die langfristige Änderung der Gesellschaft. Um das zu erreichen, meint auch Chris, dass die kulturelle Arbeit viel wichtiger sei als militante Aktionen: „Ich will nicht morgen aufwachen und alle Strukturen gewaltvoll geändert wissen. Viel lieber wäre es mir, morgen aufzustehen und zu merken: Sie diskutieren mit uns!“

Von Jane Escher

 

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