Zwischen Prosa und Theater

Das Auftakt-Festival für szenische Texte präsentiert unterschiedliche Textformen auf der Bühne des Britney.

An diesem Sommerabend, dem 27. Mai 2017, sind alle Bänke im Britney, dem kleinen Theater des Schauspiels Köln, besetzt. Einige der Wartenden sitzen auf dem Boden und obwohl die Sonne grell durch die großen Glasfronten des Britney scheint, schauen alle gespannt in Richtung Bühne. Schließlich betreten die Moderatoren Jascha Sommer und Kevin Kader die Bühne: der öffentliche Teil des Auftakt-Festivals beginnt.

Mit dem Auftakt-Festival wollten die Veranstalter von Land in Sicht und Cheers for Fears szenischen Texten eine eigene Plattform geben. Bei der regelmäßig stattfindenden Lesereihe Land in Sicht tauchten immer wieder auch szenische Texte auf, für die das Café Fleur jedoch nicht den richtigen Rahmen bot. Auf der kleinen Bühne ohne geeignete technische Ausstattung und besonders ohne SchauspielerInnen, die die Texte zuvor proben konnten, kamen die szenischen Texte kaum zur Geltung. Die Macher der Lesereihe stellten fest, dass es auch anderswo kaum eigene Möglichkeiten für szenische Lesungen gibt. Um das zu ändern, entwickelten sie die Idee des Festivals, für das sie schnell Unterstützung durch Partner wie Cheers for Fears und finanzielle Förderer fanden. Der Bedarf war offensichtlich groß: Aus über 100 Einsendungen wählte die Jury fünf sehr unterschiedliche Texte mit szenischem Potential aus. Auch SchauspielerInnen und DramaturgInnen bewarben sich für das Festival, um die Texte in zwei Tagen auf die Bühne zu bringen. Während diese im Britney probten, besuchten die AutorInnen den WDR, wo sie einen Einblick in die Hörspielkunst bekamen. Außerdem erfuhren sie im H&S- Verlag mehr über ihre Berufsmöglichkeiten als TheaterautorInnen.

Als die Schauspielerinnen der ersten Lesung die Bühne betreten, herrscht auch unter den AutorInnen sichtliche Aufregung. Sie wissen noch nicht, wie die DramaturgInnen ihre Texte umgesetzt haben. Die Lesung verwirrt sowohl durch ihren Text, dessen Handlung durch viele Themensprünge nur schwer nachzuvollziehen ist, als auch durch die Inszenierung, vielleicht auch durch die blendende Sonne. Nach der halbstündigen Lesung läuft die Autorin Luna Ali auf die Bühne und umarmt stolz das Team. „Ich bin einige Tode gestorben“, erzählt sie darüber, wie es war, nichts vom Probenprozess mitzubekommen. Mit dem Ergebnis ist sie aber zufrieden und auch das Publikum applaudiert.

Bild Atmosphaere im Britney.
Entspannte Atmosphäre im Britney. Fotos: Silvio Guiman

Der Text von Sophia Hembeck für die zweite Lesung ist deutlich klassischer aufgebaut: Die Wut und Enttäuschung der verlassenen Ehefrau sind im Publikum deutlich spürbar, trotzdem bringt der Zynismus der Figuren die ZuschauerInnen immer wieder zum Lachen. Es folgt ein Monologstück von Peter Lünenschloß, das die Zuschauer in den Gedankenfluss der Figur eintauchen lässt.  Dabei stellt sich nicht nur die Frage nach der geistigen Gesundheit des Protagonisten, sondern auch nach Wahrheit und Realität.

Diese Themen bieten in den halbstündigen Pausen genügend Gesprächsstoff für Publikum und TeilnehmerInnen. Einige sehen verwirrt aus, andere nachdenklich, die meisten haben gute Laune. Die Unterhaltungen kreisen sowohl um die gerade gesehenen Lesungen, als auch um die Kunstform der szenischen Lesung an sich. Trotz der 30 Grad sammeln sich alle gern wieder auf den Holzbänken, um die nächste Inszenierung zu sehen.

Die nächste szenische Lesung bringt einen Prosatext, geschrieben von Achim Jäger, mit drei Schauspielerinnen auf die Bühne. Der Ich-Erzähler aus einem gesellschaftlich schwächeren Milieu beschreibt einen Nachmittag mit zwei Freunden, von denen einer zu Geld gekommen ist, und wirft damit Fragen nach der Bedeutung von Geld, Freundschaft und Zugehörigkeit auf. In der letzten Lesung füllen insgesamt fünf SchauspielerInnen die kleine Bühne, um Janina Warnks Text zu inszenieren. Sie bombardieren die Zuschauenden mit medienkritischen Anspielungen aus dem Alltag, die das Publikum zum Lachen bringen.

Als die Lesungen nach vier Stunden enden, feiern die Macher des Festivals gemeinsam mit den Gästen den gelungenen Abend zur Musik vom Kollektiv 33. „Das erste Festival war ein ambitionierter Testballon“, erklärt Mitveranstalter Kevin Kader, doch alle Beteiligten wirken zufrieden und erleichtert. Sie hoffen darauf, das Festival in Zukunft größer gestalten zu können. Auf dem weitläufigen Vorplatz des Britneys sammeln sich verschiedene Gesprächsrunden. Hier setzt sich fort, was das gesamte Festival so besonders gemacht hat: Der Austausch von NachwuchsautorInnen und anderen TheatermacherInnen. Aus diesem Grund gibt es im Unterschied zu vielen anderen Festivals und Workshops auch keine Siegerehrung, das voneinander Lernen steht im Mittelpunkt. Auftakt zeigt außerdem, dass szenische Lesungen mehr sind als ein Vorlesen von Texten. Sie sind eine eigene Kunstform, die es durch die Darstellung verschiedener Perspektiven schafft, Emotionen verstärkt zu vermitteln.

Von Alina Finke und Fatima Grieser

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