„One voice can change the world“– Edward Snowden ermutigt zur Zivilcourage

Standing Ovations für den wohl berühmtesten Whistleblower der Welt bei einem Livestream- Interview an der Universität zu Köln.

Zahlreiche Sicherheitsmänner bewachen am 30.06.17 die Kölner Universität. Taschen, Jacken, sogar große Flaschen müssen an der Garderobe abgegeben werden. Selbstverständlich gilt auch: Kein Einlass ohne Ticket.  Und das alles wegen eines Mannes. Edward Snowden, der sich momentan als politischer Flüchtling irgendwo in Moskau vor dem US-Regime versteckt, gibt ein Interview per Liveschaltung in der großen Aula des Hauptgebäudes. 2500 Studierende, Journalisten und einige Vertreter des „Amerika Haus NRW“ befinden sich unter den Zuschauern und warten gespannt auf den Vortrag des ehemaligen CIA-Mitarbeiters.

„We are living in extraordinary times“

Ungeduldig und erwartungsvoll schauen die Zuschauer auf die hängende Uhr im Saal, als Snowden kurz nach 19 Uhr immer noch nicht auf der Leinwand zu sehen ist. Das Event ist seit Wochen ausgebucht. Aufgrund der großen Nachfrage wird der Livestream sowohl in der Aula als auch im Hörsaalgebäude der Universität zu Köln ausgestrahlt. In Kooperation mit dem „Amerika Haus NRW“ und der Stiftung „The Right Livelihood“, schaffen die Alumni der Kölner Universität ein unvergessliches Event. Und so freuen sich die Zuschauer Snowden bald live zu sehen.

Gegen 19:15 Uhr ist es soweit. Die Spannung der Zuschauer steigt spürbar, als das Licht im Hörsaal langsam dunkler wird. Während die Verbindung aufgebaut wird, erscheinen einige Nummern auf der Leinwand und die typischen Tastengeräusche sind zu hören, woraufhin einige der Zuschauer in Gelächter ausbrechen. Als der Mann der Stunde endlich zu sehen ist, wendet sich die Stimmung und Snowden wird mit ausgiebigem Applaus begrüßt. Sichtlich gerührt von dem tobenden Beifall, lächelt und nickt er, während das Publikum jubelt. Nach einigen Minuten wird es wieder still und Snowden kommt zum ersten Mal zu Wort. „Wir leben in außergewöhnlichen Zeiten“, lauten seine ersten Worte. Es herrsche ein großes Spannungsverhältnis zwischen den Bürgern auf der einen und den Machthabern auf der anderen Seite. Der Whistleblower erzählt von der Gefahr der Privatsphäre, die insbesondere für Jugendliche bestehe, die mit neuen Technologien aufwachsen. Außerdem appelliert er an die Zivilcourage, an das Hinterfragen der Gesetze und an die Aufklärung der jüngeren Generation. Snowden stellt sich als ein bemerkenswerter Motivationskünstler heraus und fesselt das Publikum mit seiner auffordernden Rede. Mit seiner Kritik an Überwachungssystemen betont der 34-Jährige: „Terroristen sind eine Gefahr, doch es gibt Grenzen“. Systeme wie die NSA (National Security Agency) behandlen Menschen wie Objekte und das dürfe man sich nicht gefallen lassen. Es sei an der Zeit, den Schutz der eigenen Privatsphäre selbst in die Hand zu nehmen, denn es reiche nicht bloß an etwas zu glauben. „It is your country, it is your live. It’s not enough to believe in something (…) It is the time to be something“, ergänzt Snowden. Mit seinen abschließenden Worten „One voice can change the world“ bricht erneut Jubel im Publikum aus.

„I’m not a hero“

Nach Snowdens Rede folgt das Interview. Die Studierenden hatten vorab die Möglichkeit, Fragen an die Veranstalter zu schicken, die sie dem Amerikaner gerne stellen würden. Von diesen wurden drei ausgewählt. Was hat sich seit der Enthüllung geändert? Wie soll man sich am besten schützen und was inspiriert den Whistleblower, wollten die Studierenden wissen. Seine Antworten wirken genauso motivierend wie die Rede zuvor. „We can see a positive process in the last few years, new resolutions, new laws“, sagt er. Snowden weist auf Gesetzesänderungen hin und auf eine verstärkte kritische Haltung der Bürger gegenüber der Regierung. Er nennt praktische Tipps, wie das Verwenden verschiedener Passwörter. Der Whistleblower empfiehlt auch die App „Signal“, als eine sicherere Alternative zu WhatsApp. Er betont außerdem, dass er sich selbst nicht als Held sehe, sondern als ein einfacher Bürger, wie alle anderen auch. Jeder habe die Macht etwas zu verändern, man müsse nur den Mut dazu aufbringen. „Don’t be discouraged. (…) You should not rock the world, you know what happens to people who do, but there are always heroes in choice“, so Snowden. Und als „heroes in choice“ könne jeder frei entscheiden, seine Meinung zu äußern und für die eigenen Rechte einzustehen.

Ausgiebige Motivation, zu wenig Inhalt?

Nach knapp 35 Minuten ist das Live-Gespräch beendet. Snowden lächelt und nickt den jubelnden Zuschauern zu, während sich die Gäste mit Standing Ovations und langandauerndem Applaus von ihm verabschieden. In einer anschließenden Podiumsdiskussion unterhalten sich die Philosophin Christiane Woopen, Ulrike Ackermann vom John-Stuart-Mill-Institut und Ole von Uexküll über die Bedeutung von Zivilcourage und darüber, inwiefern Bürger der eigenen Regierung vertrauen können.

Nach dem Event gibt es reichlich Redebedarf unter den Zuschauern. Während sich der Saal langsam leert, bleiben einige in Kleingruppen stehen und unterhalten sich über das Erlebte. Dabei gibt es einige zwiegespaltene Meinungen. Für die einen ist Snowden ein Idol, die anderen wünschen sich mehr Sachlichkeit. „Man sollte sich an ihm ein Beispiel nehmen. An dem Mut, den er aufgebracht hat, sein Leben zurückzulassen, um für das Recht der Bürger einzustehen“, sagt ein Studierender. „Vor allem den Vorschlag, die jüngere Generation intensiver aufzuklären fand ich sehr gut, denn da fängt die Bildung der eigenen Persönlichkeit an“, äußert ein Anderer. Doch manche kritisieren die Art des Vortrags. „Die zahlreichen Motivationssprüche sorgten dafür, dass die Rede sich nicht mehr auf das Wesentliche konzentrierte. Ich hätte mir weniger Motivation und dafür mehr Inhalt gewünscht“, ergänzt eine Zuhörerin. In einer Sache stimmen jedoch alle Befragten überein: Es war ein unvergesslicher Abend. Edward Snowden ist eine bemerkenswerte Persönlichkeit und für einen Abend greifbarer denn je. Er regt die Zuschauer sichtlich zum Nachdenken, Hinterfragen und Kritisieren an. Veranstaltungen wie diese klären nicht nur auf, sondern motivieren Menschen für die eigenen Rechte einzustehen. Menschen wie Edward Snowden sind der Beweis dafür, dass die Macht einfacher Bürger keine utopische Vorstellung ist. In einer demokratischen Gesellschaft ist jede Meinung relevant, denn darauf basiert unsere Vorstellung von einer Volksherrschaft und einem freien Land, indem Privatsphäre als wichtiger Bestandteil der deutschen Grundrechte zu schützen ist.

 

 

 

Von Klaudia Kasek