You‘ll Sometimes Walk Alone

Studierende haben es am Anfang ihres Studiums nicht immer leicht. Foto: Cynthia del Rio

Über das Alleinsein und was man daraus lernen kann.

Wenn im Oktober wieder tausende neue Studierende an die Universitäten in Deutschland strömen, werden wie jedes Semester wieder diejenigen dabei sein, die sofort eine ganze Mannschaft neuer Freunde haben, jedes Flunkyballturnier gewinnen und schon in der ersten Woche „Boah, war ich betrunken“-Stories zum Besten geben können. Jene, die sich in einer neuen Stadt, an einer neuen Uni, mit all den neuen, fremden Leuten so gut verstehen, als wären sie schon mindestens fünf Mal zusammen im Campingurlaub am Bodensee gewesen.

In meinem ersten Semester an der Uni erschien es mir, als wimmele es überall von solchen Leuten. Und ich saß zuhause und googelte Dinge wie „Ein Monat Uni und noch immer keine Freunde“, „Wie lerne ich neue Leute kennen?“ oder „Woran merke ich, dass ich vereinsame?“. Letzteres zeigt sicherlich auch meinen leichten Hang zur Dramatik, nichtsdestotrotz fühlte ich mich in der ersten Zeit in Köln ein wenig einsam. Sicher, ich hatte hier und da Bekanntschaften in den Seminaren und Vorlesungen, aber mir fehlte jemand für gemeinsame Unternehmungen, mit dem ich die neue Stadt erkunden konnte. Dazu kamen Heimweh, ein falsch gewähltes Nebenfach, das Verpassen des Großteils der Erstsemesterwoche und eine nicht ideale Wohnsituation. Ich hatte mich ziemlich spontan für Köln als Studienort entschieden und dabei natürlich nicht bedacht, dass es hier kurzfristig so viele bezahlbare WG-Zimmer wie Radieschen in der Antarktis gibt. Und somit wohnte ich die ersten Monate bei einer Frau, deren Tochter sich gerade im Ausland befand.

Eine Frage der Einstellung

In den ersten Wochen wollte ich nur nach Hause – alles dort schien mir besser: Ich hatte Freunde, eine Familie und wurde wahrgenommen. In Köln dagegen würde es niemandem auffallen, wenn ich nicht mehr in die Seminare und Vorlesungen ginge. Die Anonymität der großen Stadt und Uni machte mir zu schaffen. Doch obwohl ich der festen Überzeugung bin, dass es okay ist zu scheitern und falsche Entscheidungen zu revidieren statt sich durch eine Situation zu quälen und unglücklich zu werden, war da dieses Gefühl in mir, das Köln noch nicht aufgeben wollte.

Dazu musste ich einsehen, dass der Dom nicht zum Propheten kommt (oder so ähnlich) und, dass man aus einer ungeliebten Situation zumeist selbst aktiv herauskommen kann. Meine Einstellung musste sich ändern. Wenn ich das Gefühl hatte, auf dem Campus nur lachenden Gruppen von Studenten auf dem Weg in den nächsten Kurs oder das nächste Café zu begegnen, war das sicherlich dasselbe Phänomen, das auftritt, wenn man Hunger hat und plötzlich von Werbeplakaten für den neuen Big Rösti oder Ritter Sport Rum-Traube-Nuss umgeben zu sein scheint. Das Mädchen, das alleine im Kurs saß und scheinbar nur auf ihre Freunde wartete, hätte sich genauso gut wünschen können, dass sich jemand neben sie setzt.

Neue Bekanntschaften – auch mit mir selbst

Irgendwann begann ich neue Kontakte zu knüpfen, ein Nebenjob half dabei. Doch ich musste auch lernen, dass Freundschaften Zeit brauchen und durfte nicht erwarten, dass jede neue Bekanntschaft gleich den nächsten Roadtrip durch Südamerika mit mir planen wird. Geduld ist angesagt und in der Zwischenzeit kann man lernen, dass alleine sein nicht immer Einsamkeit bedeuten muss. Als ich noch niemanden hatte, der mit mir Köln erkunden wollte, begann ich dies selbst in die Hand zu nehmen. Früher war es meine schlimmste Vorstellung gewesen, alleine durch die Straßen zu wandern und dabei (so dachte ich) einen mitleidsvollen Blick nach dem anderen zu ernten. Doch je öfter ich dies tat, desto einfacher wurde es und dabei merkte ich, dass die meisten Menschen eher damit beschäftigt sind, sich zu fragen, ob sie heute Abend Salami- oder Schinkenpizza essen, statt sich zu wundern, warum ich alleine durch die Stadt laufe.

Heute kann ich sagen, dass sich aus vielen meiner Bekanntschaften richtige Freundschaften entwickelt haben und ich freue mich immer, mit jedem neuen Semester auch wieder neue Leute kennen lernen zu dürfen. Jetzt, da der Druck, unbedingt Freunde finden zu müssen, nicht mehr auf mir lastet, scheint es sogar noch leichter zu sein. So gerne ich auch unter anderen Menschen bin, hat mich die Erfahrung, einen großen Teil meiner Zeit nur mit mir selbst zu verbringen, aber auch einiges gelehrt: Es kann wirklich schön sein, ohne auf jemanden Rücksicht nehmen zu müssen fünf Mal in dasselbe Geschäft zu laufen, um sich dann am Ende doch gegen das Punktekleid und für den Overall zu entscheiden. Oscar Wilde hat einmal Folgendes gesagt: „Ich denke, es ist sehr gesund, Zeit mit sich alleine zu verbringen. Du brauchst die Erfahrung, wie es ist, mit dir allein zu sein und nicht durch einen anderen Menschen definiert zu werden.“

Genau das habe ich in diesen ersten Monaten in Köln gelernt und ich wünsche allen Anderen, die sich momentan vielleicht noch etwas einsam fühlen, dass sie sich dies zu Herzen nehmen. Denkt daran: Ihr seid nicht die Einzigen, denen es so geht. Natürlich gibt es auch falsche Entscheidungen und wenn ihr wirklich zutiefst unglücklich in einer neuen Stadt seid, sollte euch kein falscher Stolz daran hindern, einen Neustart zu wagen. Wenn es aber nur ein paar kleine Anlaufschwierigkeiten gibt, dann ist das völlig normal und ihr könnt daran nur wachsen. Ich kann euch mit Gewissheit sagen, dass ihr Menschen finden werdet mit denen ihr den Dom besteigen, die Karnevalswoche durchfeiern und am Rhein picknicken könnt. Vielleicht begegnet ihr diesen Menschen nicht so schnell wie der Flunkyballkönig, aber ihr werdet ihnen begegnen.

Von Laura Waldschmidt

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