Zum Glück hat das Leben keinen Sinn!

Foto: Schmetterling Verlag

Von Werten, der Irrelevanz Gottes und einer anarchistischen Ethik.

Wozu das Ganze? Patrick Spät nimmt seine Leserschaft in Das Leben – und der Sinn des Ganzen. Zwischen Nihilismus und einem Funken Moral mit auf Gedankengänge zu einem der Kernthemen der Philosophie. Dabei wird schnell klar: Den Sinn des Lebens gibt es nicht, und das ist auch gut so. Denn gäbe es einen definierten, übergeordneten Sinn, müssten wir ihn erfüllen. Wir könnten nicht selbst entscheiden, wofür wir leben wollen, welche Prioritäten wir setzen und wären von etwas oder jemandem abhängig.

Auch die Existenz eines Gottes ist für die Sinnfrage irrelevant: Gott kann nicht der Sinn des Lebens sein, denn welchen Sinn hätte Gott und mit welcher Absicht hätte er die Menschheit erschaffen? Dass Religion für viele Menschen den individuellen Sinn im Leben darstellt, bestreitet Spät nicht. Die Abwesenheit eines Sinns allen Lebens schließt nicht aus, dass jeder Mensch seinen individuellen Lebenssinn sucht und eventuell auch findet. Genau an dieser Stelle setzt die von Spät geforderte „anarchistische Ethik“ an. Nihilismus, also die Verneinung jeglichen Sinns, hält Spät für kein tragfähiges Konzept. Stattdessen sollte die Würde alles Lebendigen gewahrt und beachtet werden. Spät sieht in Gottes Tod nicht das Ende aller Werte. Wir handeln, als gäbe es Werte, ihr Ursprung ist unwichtig. Dementsprechend plädiert er für eine Moral, die sich aus unserem Alltag heraus ergibt. Sein wichtigstes Anliegen besteht dabei in der Hilfeforderung: Wer einen anderen Menschen leiden sieht, hilft.

Die Beachtung der Würde alles Lebendigen hängt eng mit Politik zusammen. Das politische System, in dem wir leben, bestimmt maßgeblich unser Handeln und unseren Spielraum in moralischen Fragen. Deswegen sollten wir es ständig hinterfragen und mitgestalten, damit wir die Moral, wie der Autor sie fordert, auch im Alltag umsetzen können.

Seine Thesen leitet Spät detailliert und klar nachvollziehbar von verschiedenen Philosophen her, sodass allen Laien Nietzsche oder Sartre vertraut werden. Dieses Buch ist kein Ratgeber und kein erhobener Zeigefinger, sondern ein Gedankenexperiment. Es lädt dazu ein, Theorien und Moralvorstellungen infrage zu stellen. Seine Thesen sind deutlich, der Autor zeigt aber auch die eigenen Schwachstellen auf: Sind Pflanzen beispielsweise ebenso lebendig wie Tiere, weil sie das Ziel verfolgen, zu überleben? Wo liegt die Trennlinie zwischen Zweck, Ziel und Sinn? Auch wenn sich Späts geforderte Ethik stark von Theorien anderen Philosophen unterscheiden mag, für den Alltag liefert sie kaum neue Ideen. Denn anderen Lebewesen zu helfen, sollte selbstverständlich sein, hängt aber nicht zwangsläufig so eng mit dem Sinn im Leben zusammen, wie hier postuliert. Trotzdem liefert das Buch interessante, teils deprimierende, aber auch unterhaltsame Denkanstöße.

Diese „Gedankensplitter“ sind lesenswert für alle, die sich schon einmal gefragt haben, was wir Menschen überhaupt auf der Erde sollen. Denn auch, wenn das Buch keine Auskunft über den einen Lebenssinn gibt, gibt es dem Leser einiges mehr: Die Erkenntnis, dass das Fehlen eines übergeordneten Sinns unser Glück und unsere Freiheit ist und Nachdenken unsere größte Stärke.

Von Alina Finke


Patrick Spät: Das Leben – und der Sinn des Ganzen. Zwischen Nihilismus und einem Funken Moral. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2013, 9,80 Euro.


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