Von Kardiologen und Kantianern

Buch auf Wiese Lesen gehört für Geisteswissenschaftler zum Programm. Foto: Annelies Geneyn

Oder: Wie ich wieder eine stolze Geisteswissenschaftlerin wurde.

„Gestern hatten wir eine Vorlesung über Gehirnchirurgie und sind danach zum Präparieren gegangen. Ich denke, dass ich vielleicht in die Richtung Neurologie gehen möchte, da kann man wirklich was bewirken. Und was machst du gerade so in deinem Studium?“ Meine Freundin nippt an ihrem Kaffee und schaut mich neugierig an. Ich denke nach.

Ja, was mache ich eigentlich gerade in meinem Studium? Gestern habe ich für meinen Kurs in amerikanischer Literatur „The Bell Jar“ von Sylvia Plath gelesen und danach versucht, einen Fassbinder-Film zu analysieren. Beides habe ich sehr gern gemacht, aber nichts davon hat mich darauf vorbereitet, ein Menschenleben zu retten. „Hast du schon die Brownies hier probiert? Die sind mit flüssigem Schokoladenkern“, antworte ich.

Auch Geisteswissenschaften haben ihre Berechtigung

Es ist nicht so, dass ich nicht hinter dem stehe, was ich studiere. Die Fächer Medienkulturwissenschaften und Englisch haben mich sofort angesprochen. Und ich kenne viele Geisteswissenschaftler anderer Disziplinen, die ihre Studiengänge genauso toll finden. Ich habe großen Spaß daran, Filme zu schauen, die mich bewegen und berühren und dann über ihre Bedeutung nachzudenken. Oder Bücher zu lesen, die mich noch monatelang beschäftigen und mir eine neue Sicht auf viele Dinge geben.

Nichtsdestotrotz habe ich häufig das Gefühl, dass ich mit meinem Wissen der Welt keinen Nutzen bringe. Ich werde wohl kaum mit einem Buch eine Perikard Ektomie durchführen können oder die Beschwerden einer Person, die an Proctalgia fugax leidet, durch die Empfehlung des Konsums eines Godard-Filmes lindern. Meine Freunde, die Biologie, Medizin oder Psychologie studieren,  werden hingegen sicherlich ihren Beitrag dazu leisten, dass es vielen Menschen besser geht. Sei es nun durch Forschungsarbeit oder als praktizierender Arzt oder Psychiater.

Oder schauen wir uns nur die ganzen Mathematiker, Physiker und Informatiker an, die von den Universitäten ins Berufsleben strömen. Vielleicht werden wir dank ihnen bald Computer besitzen, die uns beim Schreiben von Hausarbeiten helfen oder Roboter, die unsere WGs nach einer wilden Party wieder bewohnbar machen. Auch ihre Arbeit wird einen wichtigen Teil zur Entwicklung der Menschheit beitragen. Aber warum habe ich dann nicht einfach auch solch einen Weg eingeschlagen? Schließlich hat mich niemand dazu gezwungen, Geisteswissenschaften zu studieren.

Weil ich zu der Erkenntnis gelangt bin, dass auch Fächer wie Philosophie, Kunstgeschichte oder Literatur ihre Berechtigung haben und genauso ihren Beitrag zu unser aller Leben leisten, wie es die Naturwissenschaften tun. Natürlich, ohne großartige Erfindungen wie Penicillin oder den Computer würde ich hier vielleicht mit lebensbedrohlichem Fieber, einer Feder und Papier mein Loblied auf die Geisteswissenschaften schreiben. Aber wie würden wir denn leben, wenn es keine Dichter und Denker gäbe? Wenn kein Theater, keine Bücher, keine Kunst existierten? Keine Mittel, mit denen wir die Welt verstehen lernen. Mit denen wir uns gegenseitig verstehen lernen.

Literatur, Filme, Theater, Kunst — auch damit können wir die Welt verändern

Schon in der Antike wurde das Theater eingesetzt, um die Bürger der Polis zu versammeln und ihnen Politik und das Konzept des Staates näher zu bringen. Zahlreiche philosophische Schriften wie die des Aristoteles, über politische Manifeste wie Das Kapital von Marx, bis hin zu Geschichten über die Identitätssuche in der Jugend, wie man es zum Beispiel in Der Fänger im Roggen lesen kann, haben Gesellschaften von früher bis heute geprägt. Und denken wir nur an Filme, die Tabus wie Homosexualität, Sterbehilfe oder psychische Erkrankungen thematisieren. Durch den Skandal, den sie auslösten, haben sie es auch geschafft, einen Diskurs anzuregen und die Tabuisierung dieser Themen zu hinterfragen.

Wir müssen darüber sprechen, welche Vorstellungen und Konzepte wir von der Welt haben, um in Frieden leben zu können. Diese manchmal abstrakten Ideen sichtbar zu machen, ist die Stärke von Kunst, Literatur, Theater oder Filmen. Im Studium bekommen wir das Handwerk gelehrt, diese zu entschlüsseln, weiterzuentwickeln oder ganz andere Lesarten zu finden. Wir lernen, die Denkweisen Anderer zu verstehen und dies kann uns Toleranz, Akzeptanz und eine neue Weltsicht verschaffen. In der Antike wurden zum Beispiel die Dramendichter konsultiert, wenn es darum ging, wichtige politische Entscheidungen zu treffen. Philosophen wie Platon oder Sokrates genossen ein hohes Ansehen im Staat. Wir lesen, sehen uns ein Theaterstück an, schauen einen Film oder stehen vor einem Gemälde und vielleicht inspiriert es uns, selbst etwas zu schaffen, was Andere berührt. Man kann sich sicherlich darüber streiten, ob es nun die erzählte Geschichte ist, die eine Revolution oder einen Umbruch auslöst. Aber wir finden alle Beispiele in unserem Leben, in denen ein Gedicht, ein Charakter in einem Film oder ein Lied etwas in uns ausgelöst hat, uns geholfen hat, weil wir uns verstanden fühlten. Diese Macht von jeder Form von Kunst sollte nicht unterschätzt werden.

Trotzdem kann diese Macht auch von repressiven Herrschaftssystemen ausgenutzt werden. Genauso können aber auch die Fortschritte in den Naturwissenschaften zum Bau von Atombomben oder Chemiewaffen missbraucht werden. Egal, in welchem Bereich wir uns befinden: Wir müssen den Einsatz unseres Wissens mit unserer Moral und unserem Gewissen vereinbaren können. Erst dann können wir damit etwas Gutes schaffen.

Nachdem wir unsere Brownies bestellt haben, kommt meine Freundin auf ihre Frage zurück: „Was machst du denn nun in deinem Studium?“ Einen Moment bin ich versucht, ihre Aufmerksamkeit auf die wirklich schöne Rosentischdecke zu lenken, aber dann sage ich: „Ich lerne, die Welt zu verstehen.“ Sie lächelt nachdenklich. Nach einer Weile schaut sie mich an und sagt ernst: „Und gemeinsam können wir sie vielleicht verändern.“

Von Laura Waldschmidt

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