Ich schaue dem Leben nur zu

Kein Thema ist zu klein oder groß um angesprochen zu werden. Foto: Hernan Sanchez

Einer der Sätze mit dem die Nightline Köln klar macht: Als Studierender ist man nicht alleine mit seinen Sorgen. Ein studentisches Zuhör- und Infotelefon. Funktioniert das?

Als Nightliner nimmst du dir nachts vier Stunden Zeit um dir Probleme fremder Menschen anzuhören — Was motiviert dich?

Das Gefühl, dem Anrufer helfen zu können, indem wir da sind. Vom Druck, den ersten Satz der Hausarbeit hinzubekommen, bis zur seelischen Befindlichkeit — alle Themen erfordern Konzentration und zwischen den Zeilen zu hören. Es gibt mir aber auch einiges: einen anderen Blick auf Mitmenschen, Vertrauen und in gewisser Weise Zufriedenheit.

Um was genau geht es bei der Nightline?

Es ist ein Angebot von Studierenden für Studierende: Kostenlos und anonym können Studierende aller Kölner Hochschulen mit Sorgen oder Problemen bei uns anrufen, ganz egal welcher Art. Zu erreichen sind wir zwischen 21:00 und 1:00 Uhr nachts. Dabei kann ein Gespräch fünf Minuten dauern, andere gehen weit über eine Stunde. Wir sind vom PR-Team bis zum Vorstand alle Studierende, organisieren uns also komplett selbstständig.

Welche Ziele verfolgt ihr?

Ziel ist es, ein niedrigschwelliges Angebot zu bieten. Das heißt, auch erst einmal eine Anlaufstelle zu sein. Jeder kennt das: Es gibt Probleme, die man gerade nicht mit Freunden besprechen kann oder möchte. Das kann aus zeitlichen Gründen sein oder weil vielleicht das Gefühl da ist, die Person bereits mit dem Thema genug genervt zu haben. Es tut aber auch einfach gut, mal mit jemandem zu sprechen, der die Situation noch nicht kennt, jemandem, der unvoreingenommen zuhört. Ziel ist es außerdem, trotz der Anonymität eine vertraute Verbindung aufzubauen. Wir sind auch Studierende und akzeptieren den Anrufer mit seinen Problemen und Einstellungen. Dabei sind wir keine professionell ausgebildeten psychologischen Berater. Wir leisten dementsprechend auch keine psychologische Betreuung, Therapie oder Ähnliches, sondern beschränken uns vor allem auf das Zuhören und spiegeln das Gesagte. Dadurch nehmen wir den Anrufern schon eine große Last ab.

Und wenn jemand mit einem schwerwiegendem Fall anruft?

Bei Bedarf besteht die Möglichkeit Kontaktdaten geeigneter Ansprechpartner oder Institutionen zu nennen — innerhalb oder außerhalb der Universität. Die Anrufer entscheiden dann selber, ob sie sich an diese wenden möchten.

Habt ihr das Gefühl wirklich helfen zu können, obwohl ihr hauptsächlich zuhört?

Durch unsere Anonymität, ist nicht eindeutig klar, wann wir wirklich geholfen haben. Manchmal erwähnen Anrufer, dass sie durch das Gespräch ein freieres Gefühl haben oder für sich mögliche nächste Schritte herausgefunden haben. Im Gespräch entwickeln sich also neuere oder klarere Gedanken, teils sogar Lösungen. Oft wird es aber neutral beendet. Vermutlich wirkt ein Gespräch manchmal auch erst ein paar Tage später. Haben Anrufer das Gefühl, das Telefonat helfe nicht, können sie es natürlich bedenkenlos schnell wieder beenden.

Wie werdet ihr für die Arbeit ausgebildet?

Jeder der bei uns mitmacht, nimmt vorher an zwei Schulungen teil. Unter anderem üben wir eine gezielte Gesprächstechnik ein, die sich auf aktives Zuhören und Paraphrasieren konzentriert. Zunächst ist es ungewohnt, nicht viel neuen Input geben zu dürfen, sondern sich in das Gesagte einzufühlen und dem Anrufer so die Möglichkeit zu geben seine Thematik und Bedürfnisse zuzulassen. Wir werden also auch geschult, dass es auf Echtheit, Akzeptanz und Empathie gegenüber dem Anrufer ankommt. Zusätzlich gehen wir regelmäßig zur Supervision, um mit einem professionellen Psychologen über die Inhalte sprechen zu können, die uns belastet haben. Außerdem können wir dort allgemein die Gespräche aufarbeiten und uns Tipps für konkrete Situationen holen.

Fällt es manchmal schwer, nicht doch zu werten und etwas Persönlicheres dazu sagen zu wollen?

Wir lernen ein neutraler und aufmerksamer Zuhörer zu sein. Die Art auf Angelegenheiten als Nightliner zu reagieren, trennen wir eindeutig von einem Gespräch unter Freunden. In den Schulungen wird theoretisch vermittelt, aber vor allem praktisch sehr, sehr viel geübt: In Kleingruppen simulieren wir Gespräche mit echtem Inhalt. Nebeneffekt ist hierbei, dass das Team gut zusammenwächst und eine gewisse Vertrauensbasis entsteht.

Aus welchem Grund rufen die meisten Leute an?

Eines der häufigeren Themen ist meiner Einschätzung nach Einsamkeit. Es gibt kein Thema für das sich bei uns geschämt werden muss. Aber es gibt diese, bei dem man erst einmal keine Anlaufstelle hat oder es nicht mit Bekannten besprechen möchte. Für einige ist es außerdem kein konkretes Problem, sodass sie sich nicht direkt an eine professionelle Beratungsstelle oder ähnliches wenden möchten. Beziehungsprobleme sind ebenfalls häufig Thema. Oft ist es aber schwer, die Bereiche zu differenzieren — denn häufig kommen verschiedene in einem Gespräch zusammen. Es kann mit einer Situation unter Freunden oder der Familie beginnen, geht dann aber in Themen, wie Job, Probleme im Alltag, Ausschluss, Überforderung, bis hin zu sehr spezifischen, individuellen Belangen über.

Worin liegt die Herausforderung während eines Telefonates?

Im richtigen Augenblick etwas zu sagen oder eben auch einmal längere Gesprächspausen auszuharren. Wir wollen dem Menschen am anderen Ende der Leitung die Möglichkeit geben, weiterzudenken, sich in seine Gedanken oder Gefühle fallen zu lassen. Abgesehen davon versuchen wir, die Akzeptanz und Echtheit zu transportieren, mit der wir an ein Gespräch herangehen.

An welchem Punkt fühlt ihr euch selbst zu belastet, wo ergeben sich Schwierigkeiten?

Da Anrufer grundsätzlich alles bei uns thematisieren, müssen wir unsere persönlichen Grenzen kennen. Dazu gehören zum Beispiel Fragen an unsere Person selbst oder nach unserer Einschätzung der Situation. Fragen wie „Und was soll ich jetzt konkret machen?“ können und möchten wir nicht beantworten. Es soll im Gespräch um den Anrufer gehen, nicht um uns. Es geht nicht darum, dass ich meine Geschichte erzähle — wir geben weder Informationen über uns heraus, noch bewerten wir das Erzählte. Wir beenden das Gespräch nicht aktiv, Ausnahmen bilden aber sexuelle Anspielungen. Da ist natürlich eine Grenze erreicht. Generell sind Grenzen aber eines der Themen, die wir in den Schulungen behandeln.

Warum seid ihr gerade nachts erreichbar?

Ich denke es ist eine intensivere Zeit. Verglichen mit dem Trubel des Alltags, haben wir nachts mehr Zeit zum Nachdenken, man ist mehr für sich. Schwierigkeiten können besonders groß erscheinen und die Möglichkeit mit anderen zu reden ist geringer. Genau dann gehen wir ans Telefon.

Zum Abschluss – was bedeutet für dich persönlich, neben dem vertraulichen Umgang, die Nightline in drei Worten?

Auf Augenhöhe, Unkompliziertheit und Verbundenheit.

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Foto: Alpacolor 13

 

Von Laurence Boms


Woher kommt’s?

Das Konzept wurde vor über 40 Jahren in Großbritannien entwickelt. An britischen Universitäten ist es bereits sehr etabliert, in Deutschland existieren mittlerweile ebenfalls in über 15 Großstädten Nightlines.

Nightline Köln: 0800/4703500 Mo|Di|Do|Fr|So 21:00 – 1:00 Uhr

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