Fitnesswahn oder Seelenfrieden?

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Foto: Klaudia Kasek

Erfahrungsbericht einer Fitness-Anfängerin, die in die Bodybuilding-Welt eintaucht.

Im blühenden Zeitalter des Bodybuildings, verbringt gefühlt jeder zweite seine Freizeit im Fitnessstudio. Wie denn auch nicht? Bodybuilding scheint einem regelrecht überall zu begegnen. An fast jeder Ecke gibt es mindestens ein Fitnessstudio, einen Supplement-Shop oder ein Sportbekleidungsgeschäft. Ähnlich präsent ist das Thema in den Medien. Das Videoportal Youtube platzt fast vor der enormen Anzahl an Motivationsvideos für Bodybuilder und im Fernsehen versuchen Trainer wie Sophia Thiel oder Daniel Aminati öfter denn je ihre innovativen Fitness-Angebote auf den Markt zu bringen.

Doch was verbirgt sich hinter dem Fitnesswahn? Ist die Sucht nach Fitness einfach nur ein Trend, der, sobald etwas Neues in Mode kommt, schnell überholt wird? Oder ist es die langgesuchte Sportart, die aufgrund der Flexibilität und Vielfalt vor allem in unserem Zeitalter für jeden geeignet ist? Auf der Suche nach genau diesen Antworten und voller Hoffnung auf einen durchtrainierten Körper, begab ich mich in ein Selbstexperiment. Doch was am Anfang so vielversprechend klang, erwies sich schnell als eine große Herausforderung.

Wie alles begann

Mein Fitness-Experiment startete vor fast drei Jahren, als meine beste Freundin und ich Mitglieder eines Fitnessstudios wurden. Wir wollten alles richtig machen und so verbrachten wir Stunden damit, den perfekten Trainingsplan zu erstellen, informierten uns über gesunde Ernährung und passende Sportkleidung. Damit wir auch diszipliniert unser Work-Out durchzogen, integrierten wir es in unsere Stundenpläne. Von da an begaben wir uns drei Mal pro Woche ins Fitnessstudio und trainierten Bauch, Beine, Po und unseren Oberkörper. Fitness wurde bald zu unserer Lebenseinstellung. Doch die anfängliche Euphorie hielt nicht lange an.

Motivation, verlass mich nicht!

Am Anfang ist Motivation kein großes Thema für einen Fitness-Neuling. Wie im Rausch scheint alles neu und aufregend zu sein. Es fühlt sich großartig an, dem Bodybuilder-Club anzugehören, selbst wenn man auch nach wochenlangem Training genauso aussieht wie vorher. Doch das alles kümmert einen Fitness-Neuling wenig. Tatsächlich reicht es aus, der stolze Besitzer einer wertvollen Fitnessstudio-Karte zu sein und die Motivation scheint einem zu zufliegen. Jedenfalls in den ersten Wochen. Denn früher oder später suchen alle Fitness-Anfänger nach einem Grund, das geplante Work-Out gegen einen gemütlichen Abend mit Freunden einzutauschen. Nach etwa drei Monaten kam uns das Training wie eine dreistündige Qual vor, in der die Zeit kaum verging. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatten wir verstanden, dass auf unsere Motivation kein Verlass ist. Also lernten wir Disziplin.

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Auf Motivation ist nicht immer Verlass. Ausdauer und Disziplin sind im Bodybuilding das A und O. Foto: Klaudia Kasek

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg

„No excuses“ war unser Motto. Egal ob Nebenjob, Klausurphase oder der Jahrestag mit dem Freund, nichts konnte uns von unserem geplanten Work-Out abhalten. Fast nichts. Denn bald geschah das, wovor sich jeder Sportler fürchtet: Ich wurde krank. Doch mein Ärger darüber hielt sich in Grenzen. Vielmehr verspürte ich eine gewisse Erleichterung und ich merkte, wie sehr ich eine Pause vom Training gebraucht hatte. Als ich wieder auf den Beinen war, kehrte auch meine Motivation und Energie ein wenig zurück. Ich ging wieder zum Training und fühlte mich durchaus gut, doch ich wünschte mir mehr vom Besuch im Fitnessstudio, als nur eine Maßnahme zur Körperveränderung. Ich wollte wenigstens einmal fühlen, was leidenschaftliche Bodybuilder beim Training verspürten. Es dauerte über ein Jahr, bis ich endlich verstand, inwiefern Fitness und Bodybuilding auch für mich mehr sein konnten.

Der Wandel

Im Januar diesen Jahres hatte ich mit verschiedenen Problemen zu kämpfen: Stress bei der Arbeit, Stress in der Uni, gefolgt vom Stress im Privatleben. Ich hatte mit der klassischen Überforderung zu kämpfen und mein Zuhause wurde zu eine Art Gefängnis meiner Gedanken. Der Ort, den ich früher meine Rückzugs-Oase nannte, wurde zum Ort an dem ich sehr intensiv über alles nachdenken konnte, worüber ich eindeutig nicht nachdenken wollte. Ich schnappte mir also meine Sportsachen, sorgte für neue Musik auf meinem Smartphone und ging ins Fitnessstudio. An diesem Tag war mein Training anders als sonst. Ich trainierte alleine und war konzentrierter. Mein Training war intensiver als jemals zuvor. Meine Gedanken waren voll und ganz bei meinen Muskeln, bei meiner Atmung, bei meinem Puls. Zum ersten Mal schwitzte ich richtig. Ich war nicht nur müde, ich war völlig kaputt. Seit Wochen hatte ich mich nicht lebendiger gefühlt als an diesem Tag und meine Einstellung zu Bodybuilding und Fitness änderte sich.

Alles eine Frage der Zeit

Das Wichtigste, was ich während meines Experiments gelernt habe, ist Ausdauer. Nicht nur am Laufband, sondern auch im Bodybuilding selbst. Fit-Sein ist ein Prozess und erfordert, neben Zeit, auch die richtige Motivation. Es dauerte eine Weile, bis sich meine Einstellung zum Fitness änderte, doch es geschah und das veränderte nicht nur meinen Körper. Mein Geist wurde mit jedem Work-Out freier, denn das Training verschaffte mir die nötige Pause vom aktiven Denken. Meine Körperhaltung verbesserte sich und ich bewegte mich lockerer, dadurch gewann ich an Selbstbewusstsein. Genauso konzentriert und mit meinem Geist vereint wie beim Training, schien mein Körper auch in anderen Lebensbereichen zu arbeiten. Ich war vor allem in Seminaren konzentrierter und konnte konstruktiver den Lernstoff aufnehmen, denn mein Kopf war nun frei und meine Gedanken geordnet. Auch die neugewonnene Disziplin half mir im Studienalltag sehr. Das Fitnessstudio wurde zum festen Bestandteil meines Lebens und das Training zu einer Art Therapie. Und heute, fast drei Jahre nach meinem ersten Fitnessstudio-Besuch, freue ich mich auf weitere Tage, Monate und Jahre, die ich mit meiner neugewonnenen Leidenschaft verbringen werde.

Von Klaudia Kasek

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