Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Foto: Transcript Verlag

Der Sammelband Gedächtnis im 21. Jahrhundert gibt einen Überblick über aktuelle Forschungsdebatten und zeigt die Relevanz des Erinnerns.

Erinnerung hat viel mit Geschichte zu tun: Nationalstaaten greifen in der Regel auf bestimmte Ereignisse der Vergangenheit zurück, um eine nationale Identität zu entwerfen und zu stärken. Spätestens seit den 1990er Jahren nutzen viele europäische Staaten dabei nicht mehr nur positiv besetzte Ereignisse, sondern zunehmend Gewaltverbrechen, allen voran den Holocaust. Wie und warum sich bestimmte Gruppen heutzutage erinnern, untersucht der Band multidisziplinär mit Beiträgen aus der Geschichts-, Politik-, Sozial-, und Literaturwissenschaft. Die Herausgeberinnen Liljana Radonić und Heidemarie Uhl versammeln in Gedächtnis im 21. Jahrhundert. Zur Neuverhandlung eines kulturwissenschaftlichen Leitbegriffs die Ergebnisse einer Tagung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 2013, die sich aus den verschiedensten Blickwinkeln mit dem Komplex von wandelbarer und sich wandelnder Erinnerung befasste.

Zentrale Fragestellungen des Bandes sind äußerst kontrovers: In welchem Verhältnis stehen Holocaust und Genozide — führt die moralische Pflicht, sich zu erinnern, zu einer Verallgemeinerung des Holocaust? Wird er enthistorisiert, dadurch, dass er als das zentrale Menschheitsverbrechen behandelt wird? Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Erinnerungskultur postsozialistischer Staaten, die sich mit ihrer Geschichte nicht nur mit dem Holocaust, sondern auch mit diktatorischen Systemen befassen müssen. Dabei gehen die Autorinnen und Autoren verschiedenen Ansätzen nach: Radonić befasst sich aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive mit Museen in postsozialistischen Ländern, die den zweiten Weltkrieg zum Thema haben. Sie stellt dabei eine starke Konkurrenz zwischen Holocausterinnerung und der Erinnerung an sozialistische Verbrechen fest. Am Beispiel Ungarns macht sie auch deutlich, welchen Einfluss die Beitrittsbemühungen zur EU auf die Nutzung von Vergangenem ausüben können: Es wird zu einer Pflicht, staatliche Erinnerungsorte einzurichten, mit denen die eigentlichen Opfergruppen nicht unbedingt einverstanden sein müssen. Marketa Spiritova untersucht in ihrem Beitrag Tschechiens Übergang vom Realsozialismus zur Demokratie, auch samtene Revolution genannt, darauf, welche Elemente in der populären Erinnerungskultur bis heute genutzt werden.

Der letzte Teil des Bandes beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Sprache und Erinnerung. Michael Rössner befasst sich damit, welchen Einfluss Übersetzungen und Nachdrucke literarischer Werke auf die Erinnerungskulturen verschiedener Staaten haben können. Abschließend behandeln Simone Hadler und Johannes Feichtinger die Genese und das Fortdauern von Feindbildern und geben Erklärungsansätze dafür, warum nur manche historische Gegner zu Feinden werden.

Sich mit Erinnerung auseinanderzusetzen ist wichtig, um einflussreiche Akteure hinterfragen zu können. Dazu leistet dieser Sammelband einen Beitrag, indem er auch aufzeigt, woran sich bestimmte Akteure nicht erinnern wollen und wie Identitätsstiftung über ein negatives Gedächtnis funktioniert. Ob das moralisch vertretbar ist, ist jedem selbst überlassen. Zumindest braucht niemand die Fülle an Erinnerungsorten zu akzeptieren, ohne sich zunächst über das Erinnern an sich Gedanken gemacht zu haben.

Von Alina Finke


Ljiljana Radonić, Heidemarie Uhl (Hrsg.): Gedächtnis im 21. Jahrhundert. Zur Neuverhandlung eines kulturwissenschaftlichen Leitbegriffs. Transcript Verlag, Bielefeld 2016, 32, 99 Euro.


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