Hier hätte seit vorgestern eine Überschrift stehen sollen

Foto: Alessandro Miliucci https://www.flickr.com/photos/lifeisfoo/

Vom Kampf mit der Deadline, dem Aufschieben und was dagegen hilft.

Sie ist wieder da – die Deadline. Zugegeben, der ungebetene Gast kam nicht gerade überraschend. Seit Wochen schon marschierte er mit erhobenem Zeigefinger im hintersten Winkel deines Bewusstseins auf und ab, während du mithilfe deines Netflix-Abos jeden Gedanken an die bevorstehende Hausarbeit erfolgreich verdrängt hast. Doch nun lässt sich die Deadline weder leugnen, noch verdrängen. Heute in einer Woche muss die Hausarbeit fertig sein. Widerwillig verlässt du dein Sofa und denkst noch auf dem Weg zum Schreibtisch darüber nach, dein Studium abzubrechen und stattdessen eine Karriere als LeuchtturmwärterIn an einer malerischen Küste Schottlands anzustreben.

Drei Stunden später besteht deine Hausarbeit nur aus einem liebevoll formatierten Deckblatt, denn während deiner Recherche bist du aus unerfindlichen Gründen bei YouTube gelandet. Zeit für eine kurze Pause, denkst du, und begibst dich in die Küche. Etwas in dir drin versichert dir, heute sei ein guter Tag für extravagante kulinarische Experimente. Voller Tatendrang suchst du Rezepte heraus und kaufst Zutaten ein, stellst dich an den Herd, genießt eine halbe Ewigkeit später deine Kreation und widmest dich im Anschluss dem schmutzigen Geschirr. Und eigentlich wartet auch noch ein Wäscheberg auf dich…

„Morgen“, versicherst du dir, „morgen wird alles anders“, während du eine To-Do-Liste für den nächsten Tag anfertigst und ein wagemutiges Ausrufezeichen hinter die Zeile „Hausarbeit: mindestens vier Seiten schreiben“ setzt. Die darauffolgenden Tage scheinen zwölf Stunden kürzer zu sein als normalerweise. Viel zu schnell ziehen sie an dir vorbei, während du hektisch mit der Hoffnung auf ein halbwegs erfolgreiches Studium, einem ausgewogenen Sozialleben, deinem Nebenjob und dem Mindestmaß an sportlicher Ertüchtigung jonglierst. Spätestens zwei Tage vor der Deadline meldet sich ein weiterer ungebetener Gast: die Panik. Im Schlepptau hat sie deine verschollen geglaubte akademische Motivation. Die explosive Mischung aus Panik und Motivation macht das Unmögliche möglich und deine Produktivität erreicht bis dahin ungeahnte Dimensionen. Die Worte scheinen regelrecht aus deinen Fingerspitzen zu fließen, während sich die Seiten füllen und deine Hausarbeit Gestalt annimmt.

Mit jeder geschriebenen Seite scheint deine Müdigkeit, welche du mit einer Tasse Kaffee nach der anderen bekämpfst, exponentiell zu wachsen. Nur noch wenige Stunden trennen dich von der Deadline – du wünschst dir nichts sehnlicher, als den Albtraum dieser Hausarbeit mit einem Klick auf den „Senden“-Button zu beenden. Sobald der magische Moment endlich gekommen ist, fallen der gesamte Stress und die Anspannung der letzten Tage und Stunden von dir ab. Ausgelaugt und übermüdet versprichst du dir selbst, die nächste Hausarbeit nicht aufzuschieben und eigentlich weißt du ganz genau, dass es nur eine leere Versprechung sein wird.

Du hast schon viel zu oft utopische To-Do-Listen geschrieben, nur um sie am Ende des Tages resigniert in den Müll zu werfen. Viel zu oft vor einem exorbitant hohen Berg an aufgeschobenen Aufgaben und dekorativen Büchertürmen gestanden, weil du leider erst unter enormem Druck produktiv wirst. So oder so ähnlich könnte deine Hausarbeitenphase regelmäßig aussehen, wenn Prokrastination sozusagen dein zweiter Vorname ist.

Prokra…was?

Prokrastination ist das bildungsbürgertümliche Wort für das Aufschieben von Aufgaben, besonders dann, wenn sie unangenehm sind. Mit Faulheit hat Prokrastination jedoch wenig zu tun, denn Betroffene sind sehr aktiv und gehen Tätigkeiten nach, die in dem Moment weniger unangenehm sind, als beispielsweise die bevorstehende Hausarbeit. Die Wohnung zu putzen, Schränke und Regale zu entrümpeln oder den Einkauf zu erledigen sind dann willkommene Alternativen. Vor allem Studierende der Geisteswissenschaften kennen das Problem der „Aufschieberitis“

Was zunächst relativ harmlos klingt, kann für Betroffene ernste Folgen haben: Leistungsrückstand, Stress, Selbstabwertung und ein schlechtes Gewissen können langfristig zu psychischen Erkrankungen führen. Im Extremfall leiden chronische ProkrastiniererInnen unter Schlafstörungen, Depressionen und einem geschwächten Immunsystem. Mehrere Faktoren können dafür verantwortlich sein, darunter Perfektionismus, Versagensängste, Konzentrationsprobleme, das Setzen falscher Prioritäten, eine falsche Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit und ein schlechtes Zeitmanagement.

ForscherInnen der Prokrastinations-Ambulanz der Universität Münster unterscheiden zwischen pathologischem und alltäglichem Aufschieben, führen Untersuchungen durch und entwickeln Behandlungskonzepte für Betroffene. Neben Einzel- und Gruppentherapien wird auch ein kostenloses Kurztraining angeboten, bei dem Studierende lernen, Ihr Arbeitsverhalten zu beobachten, realistische Lernvorsätze zu entwickeln und diese besser einzuhalten. Auf der Webseite der Prokrastinations-Ambulanz befinden sich Tipps für Betroffene zum Nachlesen und ein Selbsttest.

Vom Procrastinator zum (Hausarbeiten-) Terminator

Auch wir haben sechs Tipps für dich zusammengestellt, die dir vielleicht helfen können, wenn du zum Aufschieben neigst.

1. Finger weg vom Smartphone
Vermeide Ablenkungsquellen in deiner Nähe und lege zum Beispiel dein Smartphone in einen anderen Raum. So kannst du es weder sehen noch hören und die Versuchung, nur mal kurz bei Twitter oder Instagram reinzuschauen, ist nicht mehr so groß.

2. Mit dem kleinen Zeh ins kalte Wasser
Statt sich kopfüber in die unangenehme Pflicht zu stürzen ist es hilfreich, sich den Einstieg zu erleichtern. Überlege dir genau, was für eine Aufgabe du erledigen musst und unterteile sie in viele kleine Einheiten mit konkreten und realistischen Zielen. Statt der großen Aufgabe „Thema für die Hausarbeit finden“, widmest du dich zunächst der Frage, wo du nach Informationen suchen könntest. Zum Beispiel: „In Buch A die Inhaltsangabe studieren“ und „In Buch B das Literaturverzeichnis durchgehen“.

3. „Wie war ich?“
Notiere dir, was du geschafft hast und was gut geklappt hat. Das wird dir ein gutes Gefühl geben. Ganz wichtig: Stehe auch zu deinen Schwächen und schreibe auf, was nicht geklappt hat und warum nicht. So lernst du dich und deine Arbeitsweise besser kennen und stellst fest, an welchen Stellen es noch hakt und was dir am besten hilft.

4. Belohne dich
Belohne dich auch für die kleineren Erfolge, selbst wenn du nicht alles geschafft hast, was du dir eigentlich vorgenommen hast. Niemand ist perfekt!

5. Verdopple die Zeit
Oft ist eine Aufgabe viel anspruchsvoller als erwartet, oder es kommt etwas Unvorhergesehenes dazwischen und du kannst deinen Arbeitsplan nicht mehr einhalten. Wenn Hermines Zeitumkehrer gerade nicht zur Hand ist, hilft dir vielleicht die 50%-Regel: Trage schon im Vorfeld für jede Aufgabe doppelt so viel Zeit ein. Damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass du deinen Plan auch wirklich einhalten kannst und du verschaffst dir Erfolge.

6. Sozialer Druck
In einer Lerngruppe könnte dir die Bewältigung deiner Aufgaben leichter fallen, schließlich will man sich ja nicht blamieren oder die Gruppe hängen lassen. Regelmäßige Verabredungen, um Hausarbeiten zu schreiben, erzeugen Routine und künstliche Deadlines – noch vor der eigentlichen Deadline.

Von Natalja Tschupin

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