„Ein gutes Gedicht nutzt sich nicht ab“

Nicht eins der Werke von Marie T. Martin hat mehr als 200 Seiten. Trotzdem — oder gerade deshalb — bieten ihre Gedichte und Kurzgeschichten mehr als genug Stoff zum Nachdenken.

Das Bild vom sonderlichen Autor, der monatelang einsam am endlosen Familien-Drama schreibt, ist schon lange überholt. Dennoch sind es immer noch überwiegend solche Romane, und Romane im Allgemeinen, die in den Buchläden dominieren. Autorin Marie T. Martin schreibt anders: poetisch, interdisziplinär und facettenreich. Im Interview verrät sie, warum Romane ihr zu langweilig sind und warum Skurrilität die Realität immer um Längen schlagen wird.

Was ist Ihr Beruf, Frau Martin?

Ich bin Autorin, Projektleiterin und ich arbeite in Werkstätten mit Jugendlichen. Meine Hauptarbeit ist aber die Literarische. Auch interdisziplinäre Projekte mit anderen Künstlern interessieren mich und außerdem habe ich schon mehrere Jahre als Lektorin und freie Redakteurin gearbeitet. Es sind also alles Tätigkeitsfelder, die im weitesten Sinne mit dem Schreiben zusammenhängen.

Was schreiben Sie?

Was den Literaturbetrieb angeht, schreibe ich eher die Nischenformen mit der kurzen Prosa, mit Gedichten und Erzählungen. Im Grunde gibt es, glaube ich, viele Menschen, die gerne kurze Texte lesen, aber der Markt wird leider von Romanen dominiert. Neben den Gedichten schreibe ich auch noch Hörspiele, Theatertexte und Essays und trotzdem werde ich ständig gefragt: „Wann kommt der Roman?“ Ich versuche aber, einfach das zu schreiben, was mich wirklich von innen her interessiert.

Ihr letztes veröffentlichtes Werk war daher auch kein Roman…

Nein, letztes Jahr ist ein Band meiner Prosaminiaturen erschienen: Woher nehmen Sie die Frechheit, meine Handtasche zu öffnen? Es ist eine Sammlung mit Kürzestgeschichten. Skurrile oder surreale Texte, hin und wieder auch melancholische oder impressionistische. Manchmal sind sie nur ein paar Sätze lang. Das Buch ist illustriert mit Bildern von Ulrike Steinke, mit der ich schon lange zusammenarbeite. Über das Buch habe ich mich sehr gefreut, weil von Seiten des Verlags, Ulrike und mir viel Liebe drinsteckt. Auch auf Lesungen funktionieren die kleinen Geschichten gut. Mir macht es auch besonders Spaß vor Publikum etwas Lustiges zu lesen, weil es in den beiden Büchern davor eher melancholisch zuging.

Was ist Ihre Reaktion, wenn Ihnen jemand sagt, dass er oder sie Gedichte langweilig findet?

Dann würde ich polemisch antworten, dass ich Romane auf jeden Fall langweiliger finde. Ich selbst lese gerade hauptsächlich Gedichtbände; das ist viel spannender, abwechslungsreicher, vielfältiger und herausfordernder als beispielsweise eine psychologisch erzählte, realistische Familiengeschichte, die sehr auf die Handlung setzt. Vor allem können Gedichte immer wieder gelesen werden – ein gutes Gedicht nutzt sich nicht ab. Allerdings gibt es auch Romane, die ich wunderbar finde, beispielsweise von Virginia Woolf.

Wenn es nicht die Realität ist, die sie reizt, was ist es dann?

Oft heißt es über meine Texte, dass sie schwebend, surreal, grotesk oder skurril sind. Für mich hat das aber ganz viel mit unserer Welt und dem Leben zu tun. Ich finde es nicht so reizvoll, einfach nur abzubilden, was sich scheinbar in der Realität ereignet — denn für mich gibt es die auch gar nicht. Die poetische Realität ist genauso wahr. Es ist spannender, wenn sich die Wahrnehmung leicht verschiebt und man in Texten das Gefühl hat, dass man einerseits die Dinge kennt, die da beschrieben werden, sie aber irgendwie so leicht schräg verschoben sind. Das schärft den Blick für das Eigentliche.

Stichwort Deutungshoheit: Wer hat das Recht zu sagen, was das Eigentliche in einem Text ist?

Es gibt natürlich keine Deutungshoheit. Das wäre ja auch recht langweilig, wenn es eine gültige Lesart gäbe und irgendeiner das Recht dazu hätte diese zu formulieren. Texte sind lebendig und alle lesen sie anders. Selbstverständlich sind Dinge in Texten angelegt, manchmal kommen sie bei den LeserInnen oder beim Publikum an, manchmal eben auch anders oder gar nicht. Als Autorin hat man die Situation, dass man missverstanden wird, aber auch die Situation, dass die LeserInnen viel mehr über den Text zu wissen scheinen als man selber. Oft bin ich ganz erstaunt und begeistert, was sie in meinen Texten finden können.

Was bedeutet Ihnen mehr: Die Amazon-Kritik oder das Feuilleton?

Für mich merke ich immer wieder, dass mir persönliche Rückmeldungen wichtig sind. Natürlich wünscht man sich die Anerkennung vom Feuilleton und ich bin auch sehr glücklich darüber, wenn das passiert. Aber speziell Rückmeldungen von privaten LeserInnen können einen stärken, wenn es gerade schwierig ist. Mir ist das wiederholt passiert und dafür war ich immer dankbar. Aber die positive Kritik in einem großen Feuilleton ist immer noch etwas besonders Erfreuliches. Im Hintergrund hat das Feuilleton immer noch viel Bedeutung, da kann man sich nicht ganz von freimachen. Aber es hat sich auch viel verändert und verschoben, Blogs und Kulturportale im Netz gewinnen auch für Verlage ebenfalls an Bedeutung.

Bereuen Sie es, Autorin geworden zu sein?

Bis jetzt bereue ich es noch nicht. Wobei ich, ehrlich gesagt, nie ernsthaft eine andere Option hatte, bei allem Hadern und Zweifeln, die es ja auch immer gibt. Ich wollte schon als Jugendliche schreiben und hatte nie so richtig einen anderen ernsthaften Berufswunsch. Egal was ich gerade alles so mache, die Haupttätigkeit — das Herz — ist immer noch das eigentliche literarische Schreiben, die künstlerische Tätigkeit.

Von Jane Escher


Marie T. Martin ist 1982 in Freiburg im Breisgau geboren, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und lebt inzwischen unter anderem in Köln. Sie veröffentlicht überwiegend Gedichte und Erzählungen, arbeitet aber auch als Theaterpädagogin und schreibt Hörspiele. Zu ihren Werken gehören: Vier Wände (2011), Luftpost (2011), Wisperzimmer (2012) und Woher nehmen Sie die Frechheit, meine Handtasche zu öffnen? (2015).


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