Perspektivenwechsel in Berlin

Karten sind alles andere als eine objektive Beschreibung der Welt. Foto von DariuszSankowski / CCO

Über Kartografie, Subjektivität und die Kunst, die alles beeinflusst.

Kunst, Kartografie, ein Spaziergang durch Berlin. Auf den ersten Blick stehen diese drei Dinge nicht in Zusammenhang. Der Künstler Nolan Oswald Dennis hat einen Workshop im Rahmen des Foreign Affairs Festival für Studierende angeboten, der sich mit der Verknüpfung dieser Themen beschäftigt.

Die Beschreibung seines Workshops klingt vielversprechend, eine Tour durch die Stadt, Berlin im Sommer neu erkunden. Das kann ja nur gut werden. Als ich den Raum betrete, blickt mir eine Handvoll Studentinnen entgegen. Ein junger Mann mit kurzen Dreads, die wild vom Kopf abstehen, hantiert an einem Beamer. Das ist offensichtlich Nolan, der uns seine Kunst näherbringen will. Er konstruiert Karten, überall, irgendwo und nicht unbedingt die Karten der sichtbaren oder uns vertrauten Realität. Er gibt uns eine kleine Einführung in Kartografie, die Lehre der Karten.

Die Maßstäbe unserer Welt

Ich — als selbsternannte professionelle Kartenleserin und offizielle Weltenbummlerin — lasse mir von diesem Künstler das gesamte Weltkonzept neu erklären. Dass die Maßstäbe der meisten Weltkarten nicht stimmen, war mir zuvor bewusst und ist keine Überraschung mehr; dass man Weltkarten aber auf so viele verschiedene Arten darstellen kann, verblüfft mich. Auf die große weiße Wand projiziert er eine Karte mit den offiziell richtigen Maßstäben, die sich gänzlich von der populären Weltkarte unterscheidet. Legt man sie übereinander, sehe ich, dass Russland groß, aber nicht so groß, Afrika groß, aber eigentlich noch größer ist und ich fange an, an Grundsätzen zu zweifeln. Dann zeigt er uns Weltkarten, deren Mittelpunkt der Nord- oder Südpol ist und demnach eine uns auf den ersten Blick vollkommen verquere Sicht auf die Erde bieten. Worauf er uns damit hinweisen will, ist die enorme Kraft der Perspektive und Subjektivität.

Wir schauen auf eine kommerzielle Karte von Berlin und bemerken die groß gekennzeichneten Punkte, die Sehenswürdigkeiten darstellen. Doch was findet man in all den grauen Flächen auf der Karte? Wer entscheidet, welche Sehenswürdigkeiten abgebildet werden und nach welchen Maßstäben? Wir vergleichen die verschiedenen Karten Berlins.

Im Klartext: Wir vergleichen Entscheidungen. Entscheidungen, die von Menschen getroffen wurden, abhängig von deren Interessen. Natürlich zeigt uns die Bootskarte von Berlin andere Ausschnitte, als die des Sightseeing-Busses. Wir wählen stets eine Karte, die unseren momentanen Bedürfnissen angepasst ist. Macht Sinn.

Jedem seine Überzeugung

Wir sitzen alle erwartungsvoll im Kreis und schauen Nolan an. „What I want to ask you is: How would you create a map?“ Wie sähen unsere persönlichen Entscheidungen aus? Zum Vergleich sollen wir nun einen beliebigen grauen Bereich in der Realität aufsuchen. „So, where do you want to go?“ Ratlose Gesichter. Es gibt so erschreckend wenige Vorgaben von Nolan, dass niemand von uns weiß, was wir machen sollen. Wir entscheiden uns die graue Gegend, in der wir uns befinden, etwas zu erkunden. Auf dem Weg ohne Ziel lerne ich meine Kommilitoninnen etwas besser kennen.

Da gibt es die große Berlinerin, die davon überzeugt ist, dass sich jede Person eine eigene Karte machen kann. So wie sie es in Neuseeland gemacht habe. Sie sei einfach zu den Lieblingsorten der Menschen gefahren, denen sie auf ihrer Reise begegnet ist. Da ist die Münchnerin, die gerne ihre russische Herkunft erwähnt und den gesamten Workshop sinnlos findet, gleichzeitig aber ein Auge auf Nolan geworfen hat. Da sind wir Kölner Studentinnen, wie wir uns lammfromm unter die Anderen mischen und Nolans Idee eine Chance geben. Dazwischen bin ich, wie ich versuche, meiner Umwelt objektiv zu begegnen und irgendetwas davon mitzunehmen.

Auf dem Weg zu einem Ergebnis Schließlich suchen wir mit einem Eis in der Hand den Rückweg. Alles begleitet mit Eindrücken einer Gegend Berlins, die die Vielfalt der Stadt und die bunte Mischung unserer zusammengewürfelten Gruppe passend widerspiegelt.

Wieder an der Universität, gehen wir mehr oder weniger schweigend zurück in den Raum, setzen uns in den Stuhlkreis, automatisiert und gewohnheitsliebend wie Menschen nun mal sind, auf unseren zuvor mit dem imaginären Deutschlandhandtuch reservierten Stuhl. Nolan schaut in die Runde: „What do you think? What happenend? Did you think about your map?“

Das erste Mal während des Workshops hat fast jede von uns eine Meinung. Die besagte russische Münchnerin polarisiert mit ihrer Aussage, dass graue Flecken nicht grundlos grau seien. Sie würde so niemandem erzählen, dass sie in Berlin gewesen sei, da wir keinerlei wichtigen Spots besucht hätten. „Das war für mich Zeitverschwendung“, sagt sie mit einem entschuldigenden Seitenblick zu Nolan. Der nickt nur, schaut uns fragend an und muss ein wenig lachen. Am schwierigsten finde ich ihren Ausdruck „wichtige Spots“. Denn wer entscheidet, welche Orte wichtig sind? Womit wir wieder bei der Ausgangsfrage wären: Wer darf wie Entscheidungen treffen und nach welchen Maßstäben richten sie sich?

Einmal um die Welt

Meine Kommilitonin zeigt uns ihr Papier mit einigen Linien und kleinen Beschriftungen. „Vielleicht haben wir nicht ganz Berlin gesehen, aber wir waren in der ganzen Welt unterwegs. Hier waren wir in Mumbai, dort auf der französischen Allee und dann auch in Thailand“, erklärt sie uns. Ich schaue auf die Karte und sehe alle Restaurants, Straßennamen und verschiedene Lokale, die mit Städtenamen oder anderen internationalen Namen versehen sind. Eine schöne Idee, die auch Nolan gefällt. Er schaut sich die Karte fasziniert an und bemerkt, dass ihm kaum eines der eingezeichneten Lokale aufgefallen war. Es gab so viel zu sehen, er hatte eine andere Perspektive, einen anderen Fokus.

Das ist wahr. Die Perspektive ist entscheidend, Karten sind subjektiv — wir alle hätten unsere eigene Karte erstellen können. Ja, vielleicht haben wir kein materielles Wissen mitnehmen können oder eine Sightseeing Tour gemacht, aber wir hatten ein Eis und haben uns mit interessanten Menschen austauschen können. Als ich das in die Runde werfe, lächeln fast alle.

Graue Flecken, Lieblingsflecken

Meistens spaziert man nicht so, wie wir es getan haben — ohne Plan, Führung oder Ziel. Es hat mich gelehrt, die Augen offen zu halten, die Umwelt etwas mehr zu schätzen und grundsätzliche Dinge in Frage zu stellen. Die Vorstellung der eigenen perfekten Karte mit den persönlichen Wegen und Zielen empfinde ich als ungemein reizvoll. Denn wer sagt, dass die grauen Flecken nicht meine wichtigsten Orte sind? Das Haus meiner Mutter, mein Lieblingscafé mit dem besten Kuchen der Stadt, die Stelle im Park, an der ich regelmäßig mein Würstchen beim Grillen verkohle oder doch die Treppe, an der ich zum ersten Mal meinen Freund geküsst habe.

Ein interessanter Workshop, auch wenn es keinen Plan gab. Eine stressige und herrlich entspannende Erfahrung zugleich — eben alles eine Frage der Subjektivität.

Von Shaheen Welling

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