HAYMATLOZ – Wenn die Nostalgie zur Wahrheit verklärt wird

– Eine Filmrezension

1932 beauftragte Präsident und Staatsgründer der noch neunjährigen Türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk, den Schweizer Pädagogen und Hochschulprofessor Albert Malche mit einer Universitätsreform. Denn das Osmanische Reich war zerfallen und dessen Asche weggekehrt – dazu entließ die türkische Regierung 157 von 240 Hochschuldozenten; es brauchte neue, europäische Akademiker, die bereit waren die Türkische Republik aufzubauen und nach Mustafa Kemal Atatürk auszurichten. Albert Malches Ruf folgten bis 1953 insgesamt 220 Akademiker, davon 166 Deutsche. Den Nachkommen von fünf dieser 166 widmet sich der Dokumentarfilm HAYMATLOZ der Kölner Filmemacherin Eren Önsöz. Diese begibt sich 2013 gemeinsam mit den titelgebenden haymatloz-en auf Spurensuche in die Türkei.

Der Film selbst spricht nicht, doch sagt so viel. Kein Kommentator, keine Erklärtexte zwischen den Szenen, kein Eingriff der Filmemacherin in das von der Kamera Eingefangene. Die Kamera begleitet die Nachkommen durch ihr altes Leben: Die alte Grundschule wird besucht, das alte Haus, an dessen Stelle jetzt ein Apartment steht, die Universitäten, an denen die berühmten Väter lehrten und wirkten. Regierungsgebäude und Denkmäler der kemalistischen Herrschaft aus jener Zeit stammen teilweise aus den Händen Rudolf Bellings – einer der fünf Akademiker. Stolz besuchen die Nachkommen diese Überreste der alten Türkischen Republik, beinahe ungläubig wirken sie angesichts solcher Monumente. Sie sind haymatloz und berichten von Problemen, wie der Identitätsfindung zu Kindeszeiten. Doch sie hatten es nicht wirklich schwer, kommentiert ein Nachkomme – schließlich lebten sie gut, als Freunde der Regierung. So verwundert es nicht, dass auch ein Besuch bei der Familie des Atatürk-Vertrauten und Nachfolgepräsidenten Inönü abgestattet wird. Eine Nachkommin von jenem unterhält sich mit der Tochter Rudolf Bellings, Elisabeth Weber-Belling. Sie weist stolz darauf hin, dass ihr Vorfahr, Ismet Inönü, die Kunst und Rudolf Belling sehr schätzte und immer das Beste für sein Volk wollte: „Er wollte der Kunst Liebe schenken“, spricht sie. Die Kamera hält weiter drauf, kommentarlos lässt sie alles geschehen. Elisabeth Weber-Belling ist gerührt angesichts solcher Wertschätzung. Diese Wertschätzung bekamen aber nicht alle KünstlerInnen und Kulturschaffende. Bedeutende Literaten wie Nazim Hikmet verbrachten ihr Leben unter Atatürk und Inönü im Gefängnis, galten als Staatsfeinde und entartet. Ethnische und religiöse Minderheiten wurden systematisch verfolgt und in die Assimilation getrieben. Am 21. Juni 1934 trat das sogenannte Besiedlungsgesetz Nr. 2510 in Kraft, was zum Ziel hatte, die Lebensräume der Minderheiten vom restlichen Land zu isolieren; sie wurden unter Militärverwaltung gestellt. Ganze Städte wurden ausgelöscht, Generationen traumatisiert. All dies geschah im Namen der nationalen Einheit und des gesellschaftlichen Fortschritts. Eine Parallele zur NS-Diktatur oder der heutigen Türkei unter Erdogan wäre nicht sehr abwegig an dieser Stelle, doch das verkneift sich der Film. Viel lieber folgt er den nostalgisch verklärten Erinnerungen der Nachkommen. Kastanien haben sie gegessen, getanzt und gespielt. Sie hatten eine unbeschwerte Zeit in der bürgerlichen Türkei Atatürks.

An einem Punkt des Films sagt eine der haymatloz-en, dass sie und ihre Familie auch in Ausschwitz gelandet wären, wenn Atatürk nicht gewesen wäre. Sie hat Recht. Doch der Film tut unrecht darin, diese Aussage so stehen zu lassen. Die ZuschauerInnen werden zur Annahme verlockt, die kemalistische Regierung hätte den Schutz der Menschen im Sinn gehabt, als sie sie in die Türkei rief. Ein Narrativ, welchem der Film gerne folgt und auch gerne weitergibt. Dass dieses Narrativ eine große Lüge ist, hat die Historikerin und Turkologin Corry Gutsstadt 2008 in ihrem Buch „Die Türken, die Juden und der Holocaust“ minutiös dargestellt. So wurden in den 1930er Jahren mehrere Dekrete erlassen, die die Einwanderung jüdischer Menschen so stark erschwerte, dass sie praktisch unmöglich war. Unter anderem ist hier der Erlass der türkischen Regierung von 1938 zu nennen, welcher die türkischen Botschaften in Europa aufforderte, keine Einreisevisa an Personen ohne „Ariernachweis“ zu vergeben. Politikwissenschaftler und Historiker Ismail Küpeli hat die Ergebnisse des Buches in einem Beitrag passend zusammengefasst (http://kuepeli.blogsport.de/2010/06/07/von-istanbul-nach-sobibor/).

Während der von mir besuchten Filmvorführung gab die Filmemacherin an, dass sie der heutigen negativ angesehenen Türkei ein positives Gegenbeispiel entgegenstellen wolle. Auf meine Bemerkung, dass das Narrativ der freien Gesellschaft in der Türkei unter Atatürk problematisch ist, wies sie darauf hin, dass sie keinen politischen Film machen wollte und sie es leid sei, sich verteidigen zu müssen. Ihr Film entstand während der Gezi-Proteste. Da ist es nicht möglich unpolitisch zu sein. Und unpolitisch ist dieser Film auch nicht. Natürlich zeigt die Kamera die Aufstände, die während der Dreharbeiten stattfanden und natürlich kommentieren die Nachfahren die Situation, in der sie sich während der Filmaufnahmen befinden. Unnatürlich ist es aber, im Film lediglich einen Vertreter des kemalistischen Jugendverbandes zu Gezi auszufragen und andere Beteiligte, wie kurdische, alevitische, sozialistische Verbände wegzulassen. Der Film suggeriert gegen Ende immer deutlicher einen vermeintlichen Kontrast zwischen der bürgerlichen Türkei Atatürks und der neo-osmanischen Türkei unter Erdogan. Dies macht es eben doch zu einem politischen Film, der zu allem Übel auch noch einem falschen Narrativ erlegen ist. Auf diese Kritik reagierte die Filmemacherin mit dem Argument, dass Atatürk die Türkei nach dem ersten Weltkrieg vor den europäischen Großmächten geschützt hätte – ein Versuch, den türkischen Nationalismus, der nebenbei bemerkt auch die Juden in der Türkei traf, zu relativieren. Weitere Fragen oder eine ausgiebigere Diskussion um das Thema der Juden in der Türkei wurde nicht gestattet.

Der Film will die Geschichte der haymatloz-en erzählen, verstrickt sich aber im Politischen und das auf eine sehr unangenehme Weise. Das Verhältnis dieses Films zu historischer Wahrheit und Aufarbeitung ist mit dem eines Dokumentarfilms über Bismarck zu vergleichen, in welchem die Sozialgesetze hochgelobt und die vorausgegangenen restriktiven Sozialistengesetze verschwiegen werden. Dieser selektive Umgang mit Geschichte ist mehr als problematisch – es ist schlicht falsch und gefährlich.

Letztlich will ich aber auch der Intention der Filmemacherin, ein anderes Bild als der uns heute bekannten Türkei Erdogans zu zeigen, folgen und der Allgemeinheit zugänglich machen. HAYMATLOZ erfüllt dieses Kriterium nicht, aber HASRET vom britischen Filmemacher Ben Hopkins sehr wohl. In seiner fiktiven Dokumentation über die Stadt Istanbul steckt bei weitem mehr Wahrheit und Schönheit als einem in HAYMATLOZ weisgemacht werden soll.


Filmtitel: HAYMATLOZ – Exil in der Türkei
Dauer: 95 Min
Genre: Dokumentarfilm
Regisseurin: Eren Önsöz
Link zum Trailer: https://www.kino.de/film/haymatloz-exil-in-der-tuerkei-2016/
Link zur offiziellen Seite: https://www.haymatloz.com/


 

Von Özgün Kaya

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