Du bist so hot wie das Klima

Warmes Kerzenlicht sorgt für eine verträumte Atmosphäre. Foto: Klaudia Kasek

Die letzte „Land in Sicht“-Lesung vor der Sommerpause nimmt zahlreiche BesucherInnen des Café Fleur auf eine bunte literarische Reise.

Ein kleiner, zunächst unscheinbarer Zettel kommt zum Vorschein, als Sibylla Vričić Hausmann ihr Debütwerk aufschlägt. Sorgfältig aufbewahrt in einem weißen Umschlag, versteckt er sich zwischen zahlreichen Notizzetteln, die die junge Autorin auf ihre baldige Lesung vorbereiten sollen. Neben lauter Herzen und einer lächelnden Figur, die auf ihm gezeichnet sind, fallen zwei großgeschriebene Wörter besonders ins Auge: „Mama“ und „Emil“. Die Autorin hält den Zettel vorsichtig in den Händen, denn an diesem Abend hat er eine ganz wichtige Aufgabe zu erfüllen. „Es ist ein Glücksbringer, den mein Sohn für mich gemacht hat“, erklärt sie kurz vor ihrem Auftritt bei der Literaturreihe „Land in Sicht“. Es ist die letzte Lesung vor der Sommerpause und das Café Fleur kann den großen Andrang an LiteraturliebhaberInnen kaum bändigen. Mittendrinn vier junge Autorinnen, die an dem Abend die BesucherInnen des vollen Café Fleur auf eine bunte literarische Reise mitnehmen, welche vielfältiger kaum sein könnte. Sie alle haben einen langen Weg hinter sich. Aus Leipzig, Stuttgart und Hildesheim sind sie gekommen, um nun vor der kleinen Bühne zu warten, bis auch die letzten Gäste eingetroffen sind und das Event beginnen kann.

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Einen ganz besonderen Glücksbringer bringt Sibylla Vričić Hausmann zur Lesung mit. Foto: Klaudia Kasek

Bald ist es soweit und die BesucherInnen schauen erwartungsvoll auf die kleine Bühne, auf der ein runder Tisch, zwei Stühle und ein Mikrofon platziert sind. Sitzplätze gibt es keine mehr und auch die Stehplätze sind heiß begehrt, denn wenn das Café voll ist, wird keine(r) mehr reingelassen. Warmes Kerzenlicht breitet sich aus und sorgt für eine angenehm verträumte Atmosphäre. Mühselig versucht sich eine junge Frau den Weg durch die eng anliegenden Stühle zu ihrem Platz zu bahnen, bedacht, den Weißwein in ihrer Hand nicht zu verschütten. Das heutige Lieblingsgetränk der Gäste. „Passt halt zu Literatur“, verrät mir meine Sitznachbarin. Die letzten Gäste werden begrüßt, bevor das Lokal keinen Platz mehr für weitere BesucherInnen hat. Für die Veranstalter, André Patten und Kevin Kader, ist dies ein klares Zeichen: Die Veranstaltung kann beginnen.

Von Schwermut zur Heiterkeit

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Tatjana von der Beek beginnt die Lesung. Foto: Lucas Lorenz

Den Anfang macht Tatjana von der Beek mit ihrer Erzählung „Sirene“. Melancholisch und düster ist die Geschichte der Protagonistin, die sich nach einem Unfall um ihre kranke Mutter kümmern muss. Die bildhafte Sprache von der Beeks versetzt die

ZuhörerInnen bald in eine regnerische Welt voller Einsamkeit und Lustlosigkeit und zeigt einen schwermütigen Alltag der Hauptfigur. Nach einem ausgiebigen Applaus wechselt die Stimmung von Trauer zum Nachdenken, als Jelena Kern auf die Bühne kommt. Die junge Autorin, die kreatives Schreiben in Hildesheim studiert, wird von Schauspielerin Lucia Schulz begleitet, um ihr bei der Lesung helfend zur Seite zu stehen. Bald wird auch klar warum. In ihrer Erzählung „Die Astronautin“, setzt sich Kern mit einer Art inneren Dialog auseinander. Zur Verdeutlichung der beiden Positionen, übernimmt Schulz eine der Persönlichkeiten der Protagonistin. Alltagsnah und dennoch tiefgründig, zeichnet sich ihr Text durch lauter Fragen aus, mit denen sich viele identifizieren können. „Gestern sagtest du, kannst du es nicht. Und heute möchtest du Astronautin werden“, heißt es in einer Zeile. „Was dir fehlt ist der Spaß an der Sache selbst“, liest Schulz in einer anderen Passage vor. „Ja, dabei sollte es doch so einfach sein, Spaß zu haben“, erwidert Kern.

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Jelena Kern (rechts) und Lucia Schulz vertieft in der Geschichte „Die Astronautin“. Foto: Lucas Lorenz

Ihr Text verbindet Verspieltheit und Alltagsphilosophie gekonnt miteinander. Nach etwa 20 Minuten endet die Geschichte. Eine Pause folgt und die Gäste scheinen bereits zu diesem Zeitpunkt zum Nachdenken angeregt zu sein. „Literatur ist Kunst und man muss sie einfach auf sich wirken lassen. Am besten kann man das während Lesungen wie diesen, weil man sich da einfach fallen lassen kann“, erzählt Benni S., während er die frische Luft vor dem Café genießt.

Nach der Pause ist die Masterstudentin Larissa Hieber an der Reihe. Ihr literarisches Werk handelt von einem 15-jährigen Jungen, der von seiner Freundin Lia fasziniert ist. Verliebt, doch auf eine direkte Art, gibt Hieber einen Einblick in den Gedankengang des Ich-Erzählers, welcher provokativ und authentisch echt thematisiert wird. Und so entlockt Hiebers Geschichte einigen Gästen ein Kichern und Schmunzeln, als Sätze fallen wie: „Ich spiele mit meinem Schwanz“ oder „Lia bevorzugte eine subjektive Groß- und Kleinschreibung“.

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Charmant erzählt Larissa Hieber ihre humorvolle Geschichte und bringt damit einige BesucherInnen zum Schmunzeln. Foto: Lucas Lorenz

In Bahn der Metamorphose

Als die letzte Autorin des Abends, Sibylla Vričić Hausmann, auf die Bühne geht, dämmert es bereits draußen. Die Autorin, die ebenso als Dozentin an der Universität in Leipzig arbeitet, liest einige Stellen aus ihrem Debüt-Gedichtband „3-Falter“ vor. In ihrer Lyrik befasst sie sich auf vielfältige Weise mit der Metamorphose und bietet den ZuschauerInnen einen Einblick in ein höchst komplexes Werk, welches bereits durch die sprachliche Gestaltung zum Nachdenken anregt.

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Es dämmert bereits, als Sibylla Vričić Hausmann an der Reihe ist und einen Einblick in ihr Gedichtband gibt. Foto: Lucas Lorenz

Auffällig sind die Anglizismen, die sich durch ihre Fremdheit vom höchst komplexen deutschen Sprachgebrauch, den sie benutzt, absetzen und so eine kontrastreiche Thematisierung der Gefühle des lyrischen Ichs darbieten. „Du bist so hot wie das Klima“, liest Vričić Hausmann vor und einige ZuschauerInnen fangen an zu kichern. Nach den letzten Versen, „Bleibe liegen, wenn es dunkel wird“, beendet sie ihre Lesung und ein ausgiebiger Applaus ertönt.

Der literarische Abend geht langsam zu Ende. Einige machen sich auf den Weg nach Hause, manche bleiben noch, um den Tag bei einem Gespräch und dem wohl letzten Glas Weißwein für heute ausklingen zu lassen. Warum denn auch nicht? Weißwein „passt ja zur Literatur“, wie mir zu Beginn beigebracht wurde.

Von Klaudia Kasek


„Land in Sicht“ ist eine Literaturreihe, die am ersten Donnerstag im Monat im Café Fleur stattfindet. Die Idee: Jungen Autoren soll eine regionale Bühne geboten werden, auf der sie ihre Werke präsentieren können. Zudem soll es für LiteraturliebhaberInnen als ein Treffpunkt zum gemeinsamen Austausch dienen. Veranstaltet werden die Lesungen von: Kevin Kader, André Patten, Charlotte Dresen, Mario Frank und Melissa Steinsiek-Moßmeier. Am 14. Und 15. Juli lädt die „Land in Sicht“- Redaktion zum Open Air Hörspielfest „Hörspielwiese“ im Leo-Amman-Park in Ehrenfeld ein. Die BesucherInnen erwarten Sound-Performances und Hörkunst unter freiem Himmel. Ab September geht dann die nächste „Land in Sicht“-Literaturreihe im Café Fleur weiter.


 

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