Tanzend im Regen, Gold unter Smog

Blick vom Tempel Die Aussicht des von Fahnen und Glöckchen umsäumten Tempels im Gebirge. Foto: Shaheen Welling

Indiens Farben und Traditionen begeistern, regen aber auch zum Nachdenken an.

Kühe auf der Straße, Frauen in bunten Gewändern, Berge von Gewür­zen in den schillerndsten Farben. Die einen assoziieren dieses farbenprächtige und vielfältige Land mit exotischem Essen und schönen Frauen, die anderen mit der Diskri­minierung von Minderheiten und ständigen Übergriffen auf Touristengruppen, gegen die das Land nicht ankommt. Klar ist aber eines: Jeder hat eine Vorstellung von Indien.

Eine immense Bevölkerung, davon mehr Männer als Frauen. Armut neben goldbehangenen Frauen. Schwerer Smog, der den Städten die Farbe nimmt – darin bunte, seidenglänzende Saris und Gewänder. Es ist ein Land voller Gegensätze, voller Vorurteile und voller Menschen. Die Bevölkerung Indi­ens liegt mittlerweile bei über 1,3 Milliarden (Stand: 2016).

Der Smog verpestet die Städte und die Atemwege der Menschen. Auch die Müllberge am Straßenrand erwecken nicht zwangsläufig den Eindruck einer wohlsortierten und gesunden Umwelt. Entscheiden sich Reisende für das Ziel Indien, so sind das allerdings nicht die einzig bleibenden Erinnerungen. Neben einer schwierigen politischen Situation, die nicht nur mit rasendem Bevölkerungszuwachs und außenpolitischen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, lädt Indien dazu ein, eine un­serer Kultur vollkommen fremde Welt zu betreten. Die berüchtigte Gastfreundschaft der Inder übersteigt die Vorstellungskraft, genauso die atemberaubende Natur des Himalaya Gebirges. Eine Kultur, die sich singend und tanzend nicht vom Wetter die Farbwahl ihrer Kleidung vorschreiben lässt.

Badende Menschen
Foto: Shaheen Welling

Delhi in allen Facetten

Bei der Ankunft am Flughafen in Delhi lässt sich kaum vermuten, zu welchem Chaos dieses Land und ganz spezifisch diese Stadt fähig ist. Denn der Weg in die Stadt gestaltet sich als äußerst schwierig. Das liegt nicht nur an dem durch die britische Kolonialisierung geprägten Linksverkehr, sondern auch an der Menge der Fahrzeuge und nicht beachteter Verkehrsregeln. Hupen heißt Vorfahrt, aber auch „Danke, ich warte und lasse dich durch“, die Hupe bedeutet Gefahr oder „Vorsicht, die Kuh!“

Manchmal wird sie zum Spaß zur musikalischen Untermalung genutzt, meistens ist es jedoch eine Warnung. Straßen sind grundsätzlich uneben und von Müll umsäumt. An deren Seiten befinden sich nicht nur kleine Wagen mit Essen, sondern auch Kühe, die im Müll nach Essen suchen. Männer laufen zwischen den Autos her, versuchen Dinge zu verkaufen oder betteln. Unzählige Rikschas, das sind kleine, durch ein Fahrrad angetriebene Wagen, rangieren entweder inmitten des Straßenverkehrs oder warten am Straßenrand auf Kundschaft; Der Fahrer meist barfuss und mit Zigarette im Mund.

Rikscha in Neu-Dehli
Rikscha Verkehr in „Old Town“ von Neu-Delhi. Foto: Shaheen Welling.

Auffällig ist jedoch nicht nur die Anzahl der Menschen, sondern vor allem deren Geschlecht. Abseits von touristischen Gebieten und Einkaufszentren prägen überwiegend Männer das Straßenbild. Das Phänomen der Geschlechtervorliebe der Kinder ist bekannt – nicht nur für Indien, sondern auch für einige andere, überwiegend asiatische, Länder.

Trotzdem machen die Inder besonders in diesem Zusammenhang häufig Schlagzeilen über ausgesetzte oder abgetriebene Mädchen, die die Familie nicht ehrenhaft weiterführen könnten. Den Zahlen zufolge leben 1,08 Männer in Relation zu einer Frau (Stand: 2014). Dieser Unterschied scheint auf den ersten Blick unerheblich, ist im Vergleich zu Deutschland jedoch enorm. In Deutschland beträgt dieser Wert 0,97. Dass diese Realität bereits auf der Straße dem ungeschulten Auge auffällt, liegt jedoch nicht nur an der unterschiedlichen Anzahl der Geschlechter, sondern überwiegend an deren Aufgabenverteilung. Frauen bleiben häufig im Haus, kümmern sich um den Haushalt und sind deshalb hauptsächlich in Einkaufsbereichen anzutreffen.

Delhi als Stadt bietet einige touristische Sehenswürdigkeiten wie die größte Moschee Indiens oder das berühmte India Gate. Besonders interessant ist es, einen Blick in das Labyrinth Old Delhi zu wagen. Das alte Viertel Delhis verstrickt sich in unzähligen Straßen, jede dieser Straßen beherbergt andere Kost­barkeiten. Eine Straße ist dem Hochzeitsschmuck der Frau gewidmet, eine den Gewürzen Indiens, eine andere wirbt für Gottesstatuen der Hindus. Eine faszinierende Gegend, die mit Vorsicht genossen werden sollte, denn es gestaltet sich schwie­rig, den richtigen Ausgang zu finden und dabei den vielen Rikschas und Rollern, die durch die engen Gassen rasen, auszuweichen. Das Gesetz der Hupe kommt auch hier wieder zum Einsatz. Delhi als Hauptstadt ist sehenswert, beeindruckend und von Chaos geprägt; die Schönheit der Stadt liegt klassischerweise im Auge des Betrachters. Indien hat allerdings so viel mehr zu bieten als nur Delhi.

Himalaya Gebirge – Irgendwo im Nirgendwo

Fährt man aus der Stadt gen Norden, so fällt auf, wie die Luft klarer und die Kühe glücklicher werden. Das scheinbar endlos weite, große, atemberaubend naturbelassene Himalaya Gebirge lässt den Atem frei werden und die Gedanken fliegen. In Serpentinen schlängelt sich der Weg durch das Gebirge. Ein Weg, der in Luftlinie innerhalb einer halben Stunde zurückgelegt wäre, kann in diesem Gebiet gut und gerne drei Stunden benötigen.

Flusstal in Indien
Foto: Shaheen Welling

Allerdings ist Zeit hier irrelevant. Es wird dem Weg gefolgt, so weit er einen führt. Kommt ein Bus auf der viel zu schmalen Fahrspur entgegen, so wird rückwärts gefahren, bis eine breite Stelle der Straße eine Durchfahrt erlaubt. Liegen Kühe im Weg, so wird gehupt. Alles scheint belanglos, je tiefer man in das Gebirge gelangt. Gleichzeitig werden essentielle Grundbedürfnisse rele­vanter. Die Wasser- und Stromver­sorgung im Gebirge ist teilweise katastrophal. In einem Ashram können Reisende für eine kurze Zeit in das Leben der dort beheimateten Inder schlüpfen.

Beispiele für soziale Ashrams sind die Unterkünfte von NGOs, die mit wenigen Freiwilligen und Räumlichkeiten kleine Schulen und Internate betreiben, um den Kindern vor Ort eine Grundausbildung zu bieten. Die Unterkunft stillt die niederen Bedürfnisse. Schnell wird jedoch klar, dass mit einem Bett, einem Eimer als Dusche und der Aussicht in das Weite alles Nötige vorhanden ist.

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Foto: Shaheen Welling

Namaste, können wir mit euch spielen?

Das Phänomen, dass Menschen, die nichts haben, viel geben, ist bekannt. In einem Ashram in einem kleinen Dorf namens Anjanisain wird das besonders deutlich. Die BewohnerInnen essen zusammen das über einem kleinen Feuerschlegel bereitete Essen, beten gemeinsam für ihre Götter und teilen miteinander – nicht nur ihr Hab und Gut, vielmehr ihre Gedanken und Wertvorstellungen.

Jeden Morgen beten sie vor der Schule, danken und besinnen sich auf das Gute. 50 Kinder besuchen die dort betriebene Schule. Die Klassenräume sind mit Teppich ausgelegt – gelernt wird auf dem Boden. Die Kinder in zerschlissener Kleidung spielen in den Pausen mit Steinen. Sie erwecken den Wunsch, ihnen neue Kleidung, Bücher, Filme zu schenken. Doch das brauchen sie nicht. Auf dem Boden sitzend, singend und lachend, sind es die glücklichsten Kinder, die man zu Gesicht bekommen kann. Manche sind müde, weil sie jeden Morgen weit laufen, einige aufgeregt, sobald sie Europäer sehen.

In jedem Fall aber laden sie einen ein: Mit ihnen zu singen, mit ihnen zu tanzen und zu spielen. Sie laden einen als Gast zu sich nach Hau­se ein und mit ihnen die Gegend zu erkunden; zu entdecken gibt es kleine Wasserfälle, Schluchten und wunderschöne Tempel auf einem Berg über den Wolken, deren Aussicht auch ein kleiner Aufstieg mehr als wert ist. Sogar dieses einfache alte Gemäuer fasziniert. Der Tempel ist unauffällig, aber geschmackvoll verziert; kleine Glocken hängen rundum das Geländer, das einen auf die wohlig weich erscheinenden Wolken schauen lässt. Ein Bild für die Götter. Tatsächlich sollte es das wohl sein. Traditionsbewusstsein ist in jedem Lebensbereich der Inder spürbar, Religion ist davon ein enormer Bestandteil.

Auf der Suche nach Göttern

Für Interessierte des Hinduismus ist ein Besuch in Haridwar unumgänglich. Es ist das Mekka der Hindus. Nirgends ist so viel nackte indische Haut zu sehen wie in Haridwar – denn ein Bad im heiligen Ganges gehört zum Pflichtprogramm. Die ganze Stadt lebt streng gläubig, absolut vegetarisch – es gibt kein Fleisch und keine Eier. Die heilige Aarti-Zeremonie beginnt dort jeden Abend zum Sonnenuntergang. Tau­sende Inder kommen, um sich zu waschen und der Zeremonie beizu­wohnen. Viele schlafen in Zelten in der Umgebung, um sich einen Be­such in dieser Stadt zu ermöglichen. Es ist eine heilige Atmosphäre, in der jeder für einen Moment Hindu wird.

Am Haupttempel, der neben dem Uhrturm das Wahrzeichen Haridwars darstellt, kommen alle zusammen und legen ihre Opfergaben dar. Mit Fackeln beleuchtet, im Glanze des Ganges, singen alle ge­meinsam Sanskritmantren, heilige Verse aus dem Alt-Indischen, und bewundern eine kleine Feuershow am Ufer. Nach der Zeremonie ent­schwindet ein Großteil der Menschenmasse zu den vielen kleinen Märkten im Ort, die vor allem religiöse Souvenirs verkaufen.

Betende Menschenmenge in Indien
Betende Menschenmenge in der heiligen Zeremonie zur Abenddämmerung. Foto: Shaheen Welling.

Doch die Religion der Hindus ist un­gemein vielschichtig und komplex. Es existieren nicht nur hunderte Götter mit Familiengeschichten, sondern auch zahlreiche religiöse Untergruppierungen, die sich selbst nicht als Hindus bezeichnen würden, allerdings mit dazu gezählt werden. In Haridwar kommen sie alle zusammen. Und auch, wenn weiße Haut dort – wie in den meisten Teilen Indiens – mit Bewunde­rung und Erstaunen begutachtet und fotografiert wird, so wird ei­nem auch in diesem Ort Eintritt in eine faszinierende Tradition, Religion und Kultur gewährt.

Ein Großteil der Reisenden, die aus Indien wiederkehren, sind dankbar für die Erfahrung, aber müssen sich von einem tiefsitzenden Kulturschock erholen. Denn der kulturelle Unterschied ist trotz atemberaubender Natur allgegenwärtig. Andere Reisende – und ich zähle mich selbst dazu – möchten zurückkehren. In ein Land, das zwischen Tradition und Rebellion, dazu einlädt, in einem bunten Sari über den Wolken zu tanzen.

Von Shaheen Welling

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