Zuhause im Hostel

Menschen am Tisch Gemeinsames Kochen und Essen ist Teil des Hostelalltags. Schon hier zeichnen sich unterschiedlichsten Geschmäcker ab. Foto: Fatima Grieser.

WG-Gefühl auf Malta

Ein schmaler Steinpfad führt durch einen grün bepflanzten Garten zu der kleinen Villa, deren Fensterlä­den und die weit geöffnete Tür blau angestrichen sind. Vor dem Haus befindet sich eine Sitzecke mit Sofas und Polstern in warmen Orangetönen, eine getigerte Katze liegt in der Sonne. Ein langer Esstisch erstreckt sich dahinter unter einem Sonnendach, von dem in einem leuchtenden Orange die Buchstaben B-O-H-O baumeln. Das ist das Boho Hostel, mein Zuhause und Arbeitsplatz während meines Auslandssemesters auf Malta.

Ein Rundgang durch den Hostelalltag

Ich arbeite als Rezeptionistin in der Spätschicht von 20:00 Uhr bis Mitternacht. Eine meiner Aufgaben ist es, Neuankömmlinge einzuchecken und ihnen einen Überblick über das Hostel zu verschaffen. Zuerst sehen sie das Wohnzimmer, das sich nicht groß von dem einer gewöhnlichen WG unterscheidet. Einige Gäste sit­zen auf den weichen Polstern einer alten Couch, deren löchriges Blu­menmuster unter bunten Decken hervorlugt, während andere auf den grünen und gelben Kissen auf dem Boden faulenzen. Im Winter, wenn es zu kalt ist, um im Garten zu sitzen, versammeln wir uns hier um den kleinen Gasheizer, schauen Filme oder veranstalten Spieleabende.

Ich führe die Neuen durch eine weit geöffnete Tür in den Flur, in dem sich der kleine blaue Schreibtisch der Rezeption befindet. Nach dem Check-In geht es einige Schritte weiter in die helle Küche mit dem gro­ßen runden Esstisch, auf dem eine Schale mit frisch gepflückten Oran­gen aus dem Garten steht.

Was die Küche betrifft, gibt es gute und schlechte Tage. An den schlechten Tagen sind alle gleichzeitig hungrig und haben individuelle Speisepläne. Vier Herdplatten und ein Ofen in einer überfüllten Küche. An solchen Tagen gebe ich die Hoffnung auf eine warme Mahlzeit sofort auf und versuche den Käse für mein Brot im Kühlschrank zu finden.

Entweder hat ihn schon wieder irgendjemand gestohlen oder er ist unter dem Lebensmittelberg der Meisterköche verschwunden, sodass ich ihn nächste Woche wahrscheinlich angeschimmelt in einer Ecke des Kühlschranks wiederentdecken werde. Doch die guten Tage machen alles erträglich. An den guten Tagen erfüllt der Duft von koreanischem Curry das Hostel und ich muss mir keine Gedanken über den Verbleib meines Käses machen, denn eines der Kochtalente lädt zum Essen ein.

Durch eine Treppe, von deren Ge­länder zahlreiche Schuhe baumeln, gelangen die Gäste ins Obergeschoss zu den vier Schlafsälen: Ritz, Hilton, Westin und The Plaza. Sie alle sind nach berühmten Hotels benannt und beherbergen jeweils sechs Gäste. Ich schlafe im Ritz, wodurch mein Körper neue Fähigkei­ten entwickelt hat. Schnarchen, das Auf-und-Zu von Koffern, betrunkenes Heimkommen – nichts davon kann mich mehr Aufwecken. Ich habe gelernt Geräusche auszublenden.

Danach zeige ich den Neuen die Badezimmer. Drei Badezimmer für so viele Gäste. Das klingt schlimmer als es ist. Da wir unterschiedliche Tagesabläufe haben, schaffen es meistens alle zeitig ins Bad. Nur die Wochenenden, wenn jeder lan­ge schläft, können schwierig sein. Dann hocken wir verschlafen (und verkatert) auf dem Gang und war­ten mit Handtüchern und Duschzeug auf eines der Bäder. Nach dem Rundgang wünsche ich den neuen Gästen einen schönen Aufenthalt, beantworte einige Fra­gen und erkläre den Weg zur nächsten Pizzeria.

sitzende Menschen
Aus Fremden werden Freunde. Foto: Fatima Grieser.

Das Zusammenleben

Ich treffe so viele Menschen. Manchmal kommen jeden Tag neue Gäste an. Mittlerweile habe ich schon um die 5381 Mal erklärt, wer ich bin, wo ich herkomme und was ich hier mache, aber das ist nicht schlimm. Die Leute, die ins Hostel kommen sind das absolut wert. Sie kommen aus unterschiedlichen Herkunftsländern und Altersklassen und haben ihre eigenen Gründe, warum sie hergekommen sind, doch sie alle verbin­det eine Offenheit, wie sie nur in Hostels zu finden ist.

Neben den Urlaubern, die nur we­nige Tage oder eine Woche hier verbringen, bleiben Dauergäste im Winter manchmal über einen Monat. Einige von ihnen sind Sprach­schülerInnen, die hier sind, um Eng­lisch zu lernen. Mit ihnen führe ich verwirrende Unterhaltungen in einer Mischung aus Google-Translate und Gestik. Andere der Dauergäste wollen dem Alltag von zu Hause ent­fliehen und erfahren, wie es ist, in einem anderen Land zu leben.

Das Hostel ist fast immer voll. Privatsphäre ist ein Konzept, an das ich mich nur noch vage erinnern kann, denn ich bin immer in Gesellschaft. Ich bin mir auch der Tatsache bewusst, dass ich die Privatsphäre anderer einschränke. Schließlich komme ich nicht umhin, die Urlaubsflirts und Liebesdramen der anderen Dauergäste mit zu verfolgen und es ist garantiert, dass ich das eine oder andere Paar noch beim Sex erwischen werde. Trotzdem ist es schön, mit so vielen unterschiedlichen Menschen zusammen zu wohnen.

Das Hostel fühlt sich an wie eine große internationale WG. Wir feiern Geburtstage oder Erfolge bei der Jobsuche und machen uns gegenseitig Tee, wenn wir krank werden. Gelegentlich merke ich, dass Menschen, die aus einem ganz anderen Teil der Welt kommen als ich, mich besser verstehen als einige meiner Leute zu Hause. Es kommt auch vor, dass ich mit Gästen diskutiere, denen ich überhaupt nicht zustimmen kann, aber auch sie eröffnen mir neue Perspektiven zu bestimmten Themen.

Hostels sind aber nicht nur Orte des Kennenlernens, sie sind auch Orte des Abschieds. Gäste kommen und gehen. Es ist manchmal frustrierend, mich immer von Menschen verabschieden zu müssen, die ich gerade ins Herz geschlossen habe. Das Schmieden von gemeinsamen Reiseplänen und Besuchen ist ein kleiner Trost und ich weiß, dass ich jetzt in vielen Ländern einen Schlafplatz sicher habe.

Von Fatima Grieser

Advertisements