Hier hätte seit gestern eine Überschrift stehen sollen …

Je länger nach dem richtigen Ansatz für einen Text gesucht wird, desto höher wird der Druck. Foto: Laurence Boms

… Und eine Unterüberschrift

Eine trügerische Gelassenheit liegt in der Luft. Ein unangenehmes, vages Gefühl breitet sich in dir aus. Etwas stimmt nicht. Nur was? Langsam bahnt sich die unausweichliche Erkenntnis ihren Weg an die Oberfläche deines Gedächtnisses: Da gibt es ja noch diese Deadline, die du mithilfe deines Netflix-Abos so lange verdrängt hast, bis sie zu einer sagenumwobenen Legende mutierte. Jetzt ist sie weder eine Legende, noch ein fernes Zukunftskonstrukt, sondern unerfreulich real.

Heute in zwei Wochen muss die Hausarbeit fertig sein. Widerwillig verlässt du dein Sofa und denkst noch auf dem Weg zum Schreibtisch darüber nach, dein Studium abzubrechen und stattdessen eine Karriere als LeuchtturmwärterIn an einer malerischen Küste Schottlands anzustreben.

Drei Stunden später besteht deine Hausarbeit gerade einmal aus einem liebevoll formatierten Deckblatt, denn während deiner Recherche bist du völlig überraschend bei YouTube gelandet und hast dir Videos über die artgerechte Haltung von Minischweinen angeschaut. Zeit für eine kurze Pause, denkst du, und begibst dich in die Küche. Etwas in dir drin versichert dir, heute sei ein guter Tag für extravagante kulinarische Experimente. Voller Tatendrang suchst du Rezepte heraus und kaufst Zutaten ein, stellst dich an den Herd, genießt eine halbe Ewigkeit später deine Kreation und widmest dich im Anschluss dem schmutzigen Geschirr. Und eigentlich wartet auch noch ein Wäscheberg auf dich…„Morgen“, versicherst du dir, „morgen wird alles anders“, während du eine To-Do-Liste für den nächsten Tag anfertigst und ein wagemutiges Ausrufezeichen hinter die Zeile „Hausarbeit: Mindestens zwei Seiten schreiben“ setzt.

Die nächsten Tage scheinen zwölf Stunden kürzer zu sein als normalerweise. Viel zu schnell ziehen sie an dir vorbei, während du hektisch mit der Hoffnung auf ein halbwegs erfolgreiches Studium, einem ausgewogenen Sozialleben, deinem Nebenjob und dem Mindestmaß aus sportlicher Ertüchtigung jonglierst. Spätestens zwei Tage vor deiner Deadline meldet sich ein ungebetener Gast: die Panik. Im Schlepptau hat sie deine verschollen geglaubte akademische Motivation.

Die explosive Mischung aus Panik und Motivation macht das Unmögliche möglich und deine Produktivität erreicht bis dahin ungeahnte Dimensionen. Worte fließen regelrecht aus deinen Fingerspitzen, die Seiten füllen sich auf wundersame Weise und deine Hausarbeit nimmt Gestalt an. Mit jeder geschriebenen Seite scheinen deine Müdigkeit und dein Kaffeekonsum exponentiell zu steigen. Nur noch wenige Stunden trennen dich von der Deadline.

Mittlerweile besitzt du die Konzentrationsfähigkeit einer matschigen Banane und wünschst dir nichts sehnlicher als den Albtraum dieser Hausarbeit mit einem Klick auf den Senden-Button zu beenden. Bereitwillig verzichtest du auf die finale Schande des Korrekturlesens und schickst sie schließlich ab. Sofort fallen der gesamte Stress und die Anspannung der letzten Tage und Stunden von dir ab. Ausgelaugt und übermüdet versprichst du dir selbst, die nächste Hausarbeit nicht aufzuschieben, dabei weißt du eigentlich ganz genau, dass das nur Wunschdenken ist.

Du hast schon zu viele utopische To-Do-Listen geschrieben, nur um sie am Ende des Tages resigniert in den Müll zu werfen. Viel zu oft vor einem exorbitant hohen Berg an aufgeschobenen Aufgaben und dekorativen Büchertürmen gestanden, weil du leider erst unter enormem Druck produktiv wirst. So oder so ähnlich könnte deine Hausarbeitenphase regelmäßig aussehen, wenn Prokrastination sozusagen dein zweiter Vorname ist.

Prokra…was?

Prokrastination ist das bildungsbürgertümliche Wort für das ständige Aufschieben von Aufgaben, besonders dann, wenn sie unangenehm sind. Mit Faulheit hat Prokrastination jedochwenig zu tun, denn Betroffene sind sehr aktiv und gehen Tätigkeiten nach, die in dem Moment weniger unangenehm sind, als beispielsweise die Hausarbeit. DieWohnung zu putzen, den Keller oder diverse Schränke zu entrümpeln sind dann willkommene Alternativen. Besonders Studierende der Geisteswissenschaften sind anfällig für die „Aufschieberitis“, da sie ihr Studium relativ frei planen können.

Was zunächst harmlos klingt, kann ernste Folgen für Betroffene haben: Leistungsrückstand, Stress, Selbstabwertung und ein schlechtes Gewissen können langfristig zu psychischen Erkrankungen führen. Im Extremfall leiden chronische ProkrastiniererInnen unter Schlafstörungen, Depressionen und einem geschwächten Immunsystem. Viele Faktoren können dafür verantwortlich sein, darunter Perfektionismus, Versagensängste, Konzentrationsprobleme, eine falsche Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit und ein schlechtes Zeitmanagement.

Prokrastination überwinden

Die gute Nachricht: Prokrastination ist heilbar! Es kann bereits helfen, die eigene Arbeitsweise zu beobachten und verschiedene Tipps auszuprobieren. Manchmal reichen Tipps allein jedoch nicht aus und du merkst, dass du vielleicht ein offenes Ohr brauchst, neue Denkanstöße oder eine kompetente Hilfestellung. Die psychologische Beratung des Kölner Studierendenwerks hilft bei Schreibblockaden, Prüfungsängsten und den verschiedensten Krisen – von Partnerschaftsproblemen bis hin zu psychischen Erkrankungen. Das Angebot ist kostenlos und richtet sich auch an Studierende, die ohne konkreten Anlass kommen, aber glauben, dass es gut sei, mal mit jemandem vertraulich zu sprechen.

So wirst du vom Prokrastinator zum (Hausarbeiten-) Terminator

Von Natalja Tschupin

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