Wir filtern uns die Welt, wie sie uns gefällt

Seifenblase Konzerne wie Google oder Facebook verwenden Algorithmen, um ihre Inhalte für uns zu personalisieren. Ist die Filterblase nur ein Mythos? Das Werk, "Filterblase", ist abgeleitet von "Blowing Bubbles" von Jarle Refsnes /CC BY 2.0 Bearbeitung: Natalja Tschupin, CC BY 2.0.

Was wir im Internet sehen, bestimmen wir längst nicht mehr selbst. Firmen wie Google, Facebook und Co. sammeln unsere Daten und nutzen Algorithmen, um Inhalte zu personalisieren. Dadurch entsteht die sogenannte Filterblase: unsere individuelle, vorgefilterte Welt, in der wir uns im Internet bewegen.

Der Begriff „Filterblase“ (engl. „filter bubble“) wurde erstmals 2011 von Eli Pariser verwendet. Der Politik-Aktivist warnte in seinem gleich­namigen Buch vor dem Verlust des selbstbestimmten Ichs durch die zunehmende Individualisie­rung im Internet. Was Pariser vor sechs Jahren beschreibt, ist heute weitgehend zur Realität geworden und aktueller denn je: Die US-Präsidentschaftswahl hat die Diskussion über den Einfluss der Medien und insbesondere der sozialen Netzwerke angeheizt. Immer öfter fiel in diesem Zusammenhang der Begriff der Filterblase. Bewegen wir uns tatsächlich nur noch in unserer eigenen, meinungskonformen medialen Welt, in der uns ein Wahlsieg Donald Trumps völlig aus der Bahn wirft?

Wie alles begann

Die Datenmenge des Internets ist riesig. Allein jedes Jahr verdoppelt sich die Menge an digitalen Daten, die wir produzieren. Im Laufe dieses Jahres werden so viele hinzukommen, wie in der gesamten bisherigen Menschheitsgeschichte bis 2016. Pro Sekunde senden wir Tausende von Tweets und Suchanfragen. Ohne Algorithmen, die Inhalte nach Qualität und Relevanz sortieren, würden wir wohl kaum mit der gigantischen Datenflut zurechtkommen.

Vor einigen Jahren kamen zusätzliche Individualisierungstechniken hinzu und die Interneterfahrung wurde zunehmend persönlicher: Welche Suchergebnisse wir beispielsweise über Google erhalten, ist abhängig von den Daten, die wir im Netz hinterlassen. Jedes Mal, wenn wir etwas teilen, kaufen, suchen oder auf „Gefällt mir“ klicken, hinterlassen wir Spuren, die auf unsere Vorlieben und Interessen schließen lassen. Auch der Standort des Nutzers und die Marke des Geräts, mit welchem wir im Internet surfen, können die Suchergebnisse stark verändern.

Online-Riesen wie Google, Facebook und Co. sind in der Lage, all diese Spuren zu sammeln und an andere Unternehmen zu verkaufen. Je mehr persönliche Daten über uns im Umlauf sind, desto eher begeg­nen wir Inhalten, die speziell auf uns zugeschnitten sind. So ist es möglich, dass Nutzer gegensätzlicher politischer Richtungen auch unterschiedliche Google-Ergebnisse erhalten, wenn sie nach demselben Stichwort suchen.

Werbung wird immer persönlicher

Nicht nur Inhalte werden individuell zugeschnitten, auch die Werbung passt sich dem Daten-Profil des Nutzers an und wird Teil seiner persönlichen Filterblase. Ein User, der größtenteils nur die Inhalte sieht, die ihn tatsächlich interessieren, wird mehr Zeit im Internet verbringen. Online-Dienste blenden dadurch mehr Werbung ein und schlagen Profit aus der Personalisierungsstrategie. So werden einem Apple-Nutzer beispielsweise teurere Hotelangebote angezeigt, als anderen Usern. Jemand, der seine Instagram-Bilder mit Standorten verknüpft, wird schon bald lokale Stellenanzeigen und den Burgerladen um die Ecke auf seiner Startseite vorfinden.

„Inspiriert von Ihren Stöber-Trends“, „Empfehlungen für Sie“ und „Neu für Sie“ – Amazons Algorithmen perfektionieren die Individualisierungsstrategie und schlagen Produkte vor, die sich dem Kauf-und Suchverhalten ihrer KonsumentInnen anpassen. Laut Pariser könnte es in Zukunft sogar möglich sein, dass Algorithmen den emotionalen Zustand der KonsumentenInnen erkennen und Werbung dadurch noch manipulativer wird.

Risiken und Nebenwirkungen

Filterblasen hat es schon immer gegeben, denn Menschen umgeben sich gerne mit Gleichgesinnten und Dingen, die den eigenen Interessen und Wertvorstellungen entsprechen. Wir lesen nur die Zeitungsartikel, die uns ansprechen und stellen Bücher ins Regal zurück, wenn uns der Klappentext nicht gefällt. Unsere Offline-Filterblase hat den Sprung ins Digitale geschafft. Auf Amazon lassen wir uns gerne von Vorschlag zu Vorschlag treiben, YouTube kennt unseren Musikgeschmack und Facebook weiß, wer unsere engsten Freunde sind und was wir nicht verpassen dürfen. Klar, nicht alles an der Filterblase ist schlecht. In vielerlei Hinsicht erleichtert sie unseren Alltag, wenn Algorithmen uns lästige Selektionsprozesse abnehmen. Aber sobald die Mechanismen undurchschaubar und für den Nutzer unsichtbar sind, kann die Filterblase gefährlich werden. Eine vorgefilterte Online-Welt kann dann gewisse Risiken und Nebenwirkungen mit sich bringen:

Katzenvideos vs. Politik:

Algorithmen sind sozusagen die modernen Türsteher des Informations-stroms. Sie entscheiden, welche Beiträge relevant sind, basierend auf der Anzahl der Klicks und Re­aktionen. Meistens werden dabei Themen ausgeblendet, die gesellschaftlich wichtig, aber zu komplex sind. Emotionale Beiträge werden hingegen bevorzugt.

Unsere Filterblase zeigt uns jeden Tag ein bisschen mehr von dem, was wir mögen, und ein bisschen weniger von dem, was wirklich wichtig ist. Hinzu kommt: Wenn künftig nur noch Online-Dienste die Inhalte bestimmen, die wir zu sehen bekommen, bedeutet das gleichzeitig, dass Inhalte ausgewählt werden, die wir nicht angezeigt bekommen, weil sie für uns vermeint­lich irrelevant sind. So wird uns ein bewusster Entscheidungsprozess abgenommen. Was wir dann sehen, ist nur noch ein kleiner Ausschnitt der Realität.

Egoschleife statt neue Perspektiven:

Gleich und gleich gesellt sich gern – ob offline oder im Internet. Wer möchte sich nicht in seinen Ansichten bestätigt wissen? Dank sozialen Netzwerken wie Facebook war es noch nie so leicht wie heute, Gleichgesinnte zu finden, um sich gegenseitig zu bestärken und aus­zutauschen. Beiträge, die unserem Weltbild nicht entsprechen, prallen nach und nach an unserer Filterblase ab, bis wir nur noch von Dingen umgeben sind, die uns gefallen.

Es ist ein psychologisches Phänomen, dass Menschen ihre Wissenslücken mit Fakten füllen möchten, die den eigenen Erwartungen entsprechen. Dieser sogenannte Bestätigungsfehler wird durch die Filterblase nur verstärkt. Gefährlich wird es, wenn die ständige Wiederholung der eigenen Perspektive zur gefühlten Wahrheit wird und fremde Meinungen keinen Platz mehr in unserer Welt finden. So entstehen viele un­terschiedliche Realitäten und eine Polarisierung der Gesellschaft, statt einer offenen Gemeinschaft. Den Menschen außerhalb unserer Time­line haben wir dann nicht mehr viel zu sagen – bloß, dass sie im Unrecht sind.

Deine Filterblase kommt zu dir

Wer schon einmal über Amazon bestellt hat, wird es kennen: Nach und nach trudeln besorgte E-Mails in unserem Postfach ein. „Gönnen Sie sich etwas“, säuseln sie, und praktischerweise wurden die Objekte der Begierde auch schon für uns ausgesucht. Die Artikel kommen uns sehr bekannt vor, denn ein ähnliches Produkt haben wir bereits bestellt. Ob wir noch Schutzfolie, Tasche und Kopfhörer für unser neues Tablet brauchen? Unsere Filterblase weiß es schon, bevor wir selbst darüber nachdenken. Im nächsten Moment vibriert unser Smartphone – eine neue Push-Benachrichtigung der Pinterst-App erinnert uns daran, noch mehr virtuelle Pinnwände zu durchstöbern, die genauso aus­sehen, wie unsere eigene: „New boards to follow: See who’s saving the same pins as you!“. Oder war es vielmehr eine Erinnerung daran, endlich diese nervigen Push-Be­nachrichtigungen zu deaktivieren?

Wie du deine Filterblase zum Platzen bringst

Meistens merken wir gar nicht, dass wir uns längst in einer Filterblase befinden. Mit jedem Klick auf den Subscribe-, Follow-, Unfollow- und Gefällt mir-Button basteln wir uns nach und nach unsere persönliche Wohlfühl-Blase und werden dabei immer anspruchsvoller. Warum sollten wir Fernsehprogramme hinnehmen, wenn es Streaming-Dienste wie Netflix gibt? Nicht alles lässt sich also auf die „bösen Algorithmen“ schieben. Wir tragen einen großen Teil zur Entstehung unserer Filterblasen bei. Umso wichtiger ist es daher, sich selbst zu hinterfragen und sich kritisch mit Medien auseinanderzusetzen. Folgende Tipps könnten dabei helfen, Filterblasen zu umgehen:

» Nicht zu viel Harmonie zulassen

Wer sich ein möglichst neutrales Bild zu einem Thema verschaffen möchte, muss sich auch mit Gegenstimmen und anderen Sichtweisen umgeben. Folge beispielsweise auf Twitter auch Menschen, die andere Meinungen vertreten und in anderen Bereichen aktiv sind als du und entfreunde nicht zu vorschnell deine nervenden Facebook-Bekanntschaften.

» Mehrere Kanäle und Alternati­ven nutzen

Bei Informationen und Nachrichten solltest du besser auf viele verschiedene Quellen zurückgreifen, um eine möglichst neutrale Perspektive zu erhalten. Eine Alternative zu Goo­gle sind trackingfreie Suchmaschinen wie DuckDuckGo (https://duck­duckgo.com/), Unbubble (https:// http://www.unbubble.eu/) oder ixquick (https://www.ixquick.de/deu/).

» Facebook: Neueste Meldungen statt Top Meldungen

Die Beiträge deiner Facebook-Startseite lassen sich auch chronologisch sortieren, indem du auf die drei Punkte neben dem Newsfeed-Button klickst und ein Häkchen hinter „Neueste Meldungen“ setzt. In der Smartphone-App befindet sich die Einstellung unter dem Menüpunkt „Feeds“. Auf diese Weise werden keine Beiträge mehr herausgefiltert.

» Anonym blei­ben

Um weniger Spu­ren im Internet zu hinterlassen, solltest du deinen Browser-Verlauf und die Cookies regelmäßig löschen. Da Google-Suchergebnisse nach persönlicher Relevanz gefiltert werden, ist es auch hilfreich, sich vor der Suche aus dem Google-Konto auszuloggen. Tracking lässt sich durch spezielle Add-ons wie Ghostery ver­hindern.

» …oder im Gegenteil: mehr Spu­ren hinterlassen

Wer Interesse in vielen verschiedenen Bereichen zeigt und nach neuen Impulsen sucht, erweitert den algorithmischen Horizont und erhält eine höhere Bandbreite an Vorschlägen, als jemand, den nur wenige Dinge faszinieren.

Von Natalja Tschupin

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