Interview zum neuen Buch von Ismail Küpeli

Buchvover Das neue Buch von Herausgeber Ismail Küpeli. Foto: Edition Assemblage

Ismail Küpeli ist Historiker und Politikwissenschaftler, der zum Nahen und Mittleren Osten forscht und schreibt. Um über sein nächstes Buch Kampf um Rojava, Kampf um die Türkei zu sprechen, habe ich mich mit ihm getroffen.

Der sogenannte Arabische Frühling hat den Nahen Osten nachhaltig verändert. Seit Beginn des Bürgerkrieges in Syrien 2011 ist die Bevölkerung einem schonungslosen Krieg, geführt von verschiedensten regionalen und internationalen Akteuren, ausgeliefert. In all dem Chaos kam es dazu, dass 2013 der nördliche Teil Syriens, welcher an die Türkei grenzt, von der syrischen Regierung de facto aufgegeben wurde.

Die Miliz YPG beziehungsweise YPJ verdrängte seither die Dominanz djihadistischer und islamistischer Kräfte vor Ort, wie die des IS, die im Folge der Aufgabe der syrischen Regierung in Nordsyrien entstand, und schaffte einen Raum zum Schutze der Bevölkerung und aller Hilfesuchenden. Notgedrungen entwickelten sich nach und nach selbstverwaltete Strukturen, die letztlich in dem heute als Rojava bekanntem autonomen Gebiet mündeten.

Am 7. Februar erscheint der Sammelband Kampf um Rojava, Kampf um die Türkei. Es war als Kampf um Afrin, Kampf um die Türkei angekündigt – Warum der Titelwechsel?

Als wir damals mit dem Buch angefangen haben, war die Erinnerung des Afrinkrieges noch frisch. Es hat sich in den letzten Monaten jedoch einiges verändert. Es ist nicht nur in Afrin etwas passiert, sondern in ganz Rojava – man denke an den Abzug der amerikanischen Truppen, den Einmarsch des türkischen Militärs, Äußerungen Putins und anderer. Nun steht die Existenz Rojavas auf dem Spiel, nicht nur Afrins. Daher erschien uns der Titel- und Themenwechsel durchaus sinnig und notwendig.

Du hast 2015 Kampf um Kobane herausgegeben. Diesmal bist du aber nicht nur der Herausgeber, sondern hast auch einen Beitrag verfasst, neben den Beiträgen vieler anderer wie Axel Gehring, der neuerdings einen Twitteraccount mit aktuellen Berichten zur Türkei führt oder Kerem Scharemberger, der als politischer Aktivist in Erscheinung tritt, oder auch die Politikwissenschaftlerin Rosa Burç. Wie kam es zur Zusammenarbeit solch gesammelten Expertenwissens?

Kampf um Kobane war kein Einzelwerk von mir, sondern ein Gemeinschaftsprodukt verschiedener Autorinnen. So ist es diesmal auch. Es war uns sehr wichtig in diesem Sammelband AutorInnen zusammenzubringen, die einen intensiven Kontakt zu der Region haben. Das kann daraus resultieren, dass sie biographische Verbindungen haben oder auch aus der eigenen Beschäftigung heraus mehr über Kobane und Rojava zu sagen haben, als in der deutschen Medienlandschaft bisher zu lesen ist.

So haben wir auch einen neuen Beitrag von Michael Wilk in das Buch eingebracht. Dieser ist als Arzt in Nordsyrien immer wieder als medizinische Hilfskraft vor Ort und hat dadurch einen ziemlich konkreten Blick auf den Krieg. Zu Zeiten von Kampf um Kobane war uns das natürlich auch wichtig, aber jetzt erst hatten wir die Möglichkeiten dies in der Gänze umzusetzen.

Foto Ismail Küpeli
Der Historiker und Politikwissenschaftler Ismail Küpeli. Foto: Felix Huesmann

Wieso ist die Türkei – und das suggeriert ja der Titel des Buches – als Protagonist dieses Krieges so wichtig und nicht beispielsweise der Irak, der ja auch ein Nachbarland Rojavas ist?

Nun, es geht um die Perspektive der Türkei selbst. Es geht nicht darum wie sich Rojava selbst versteht. Es geht darum, dass die Türkei Rojava als ein kurdisches Projekt versteht, das eine Gefahr für die Türkische Republik bildet. Diese Gefahr bestünde konkret darin, dass sich vielleicht die türkischen Kurden ähnlich organisieren könnten oder sich die anderen Bevölkerungsgruppen in der Türkei – in der Türkei leben ja nicht nur Türken und Kurden – Rojava als Vorbild nehmen.

Wenn etwas ähnliches in der Türkei denkbar wäre, also sozusagen ein multiethnisches, multireligiöses, basisdemokratisches Projekt in der Türkei entstehen würde – das ist eine große Gefahr für die türkische Regierung, die sich als Vertreter eines zentralistischen, einheitlichen Nationalstaates versteht.

Warum kann oder sollten sich die deutschen LeserInnen für Rojava und für dieses Buch interessieren?

Das Eine ist, dass wir durchaus die Vorstellung haben, dass man aus Rojava insofern lernen kann, weil diese Probleme des Nationalstaates und der Idee der Nation ja nicht nur beschränkt sind auf den Nahen Osten. Das zeigt sich ja auch hin und wieder in Europa. Zum Beispiel im Falle des Jugoslawienkrieges, aber auch bei den aktuellen Auseinandersetzungen, wie zum Beispiel in der Ukraine sieht man immer wieder, dass der Nationalstaat als Modell für ein gleichberechtigtes und friedliches Zusammenleben nicht funktioniert. Es zeigt sich, dass wir andere Modelle brauchen und da könnte Rojava durchaus ein erstrebenswertes Modell sein.

Das Zweite ist natürlich, dass wir in Deutschland sehr viel darüber reden, dass vermeintlich türkische Konflikte nach Deutschland importiert werden würden. Dass man immer noch eine bestimmte Vorstellung davon hat, dass es alles mit „uns Deutschen“ gar nicht soviel zu tun hat. Das ist aber nicht der Fall. Es leben Millionen Menschen hier, die Verbindungen zur Region haben. Wenn zum Beispiel in Rojava etwas passiert oder in der Türkei, dann betrifft es auch in Deutschland viele Menschen. Außerdem ist die deutsche Regierung kein neutraler Beobachter.

Weder damals in der Geschichte, noch heute. Da müssen wir jetzt gar nicht so weit zurückgehen und über die Afrikaexporte reden oder die Überlassung der NVA-Bestände an die türkische Regierung in den 1990eer Jahren. Wir müssen also nicht nur über die Waffenbrüderschaft im Ersten Weltkrieg sprechen, welcher natürlich den Genozid an den Armeniern mit ermöglicht hat, sondern auch über die heutige Beteiligung Deutschland an Konflikten sprechen. Daher macht es Sinn, dass deutsche LeserInnen sich anschauen, wie die Konflikte hier und dort zusammenhängen und welche Rolle wir in dem Ganzen spielen.

Es ist also nicht nur etwas für türkische oder kurdische Menschen, sondern für viele und sei es nur, dass man sich fragt was das für Kräfte sind, die es geschafft haben den IS zu besiegen. Es ist ärgerlich, aber es wurde lange gesagt, dass der IS militärisch nicht besiegt werden kann. Nun sehen wir, dass das durchaus möglich ist. Wir sehen, dass hinter dieser Idee, dieser Bewegung, reale Kräfte stehen, die etwas Gutes vollbringen. Das ist durchaus etwas, was lohnenswert sein kann.


In Kampf um Kobane aus dem Jahr 2015 findet sich auch ein Beitrag des österreichischen Journalisten Max Zirngast. Dieser lebt und arbeitet seit 2015 in Ankara, Türkei. Am 11. September 2018 wurden er und zwei weitere Kollegen wegen angeblicher „Nähe zu Terrororganisationen“ in Ankara verhaftet. Am 24. Dezember 2018 wurde er unter Auflagen aus der Haft entlassen, der Prozess läuft jedoch noch an. Im März 2019 wird eine Sammlung seiner Publikationen ebenfalls im Edition Assemblage-Verlag unter dem Titel Die Türkei am Scheideweg erscheinen.


Das Interview führte Özgün Kaya

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