Kammerspiel der Rechten

Diana Kinnert Diana Kinnert: CDU-Mitglied und Autorin. Vertreterin der sogenannten Neuen Konservativen. Zeichnung: Theresa Althaus.

Der Tag, an dem Diana Kinnert und ihre Cap getrennte Wege gehen.

„Zorn! Zorn! Wehret den Anfängen dieser Überrollung! Freiheit der Nation und Identität! Zorn! Zorn!“, schäumt es aus dem Mund des alten deutschen Mannes. Sloterdijk heißt er und sitzt auf seinem Sessel, feurig-gelb erstrahlt von den lodernden Flammen des beistehenden Kamins. Hier, mitten in der französischen Provence, sitzt er und kann nicht anders. Er hat keine  Maike wie der Helmut, die ihm den Sabber von den Lippen ableckt.

Aber er hat Ausstrahlung, meint man. Die Ausstrahlung einer blauen Insektenlampe. So zieht er die vielen kleinen Viecher an, die sonst in ihren modrigen, dunklen Ecken vegetierten. Aber jetzt vegetieren sie nicht mehr. Sie sind voller Lebenskraft, voller Ambitionen und voller Zorn: die Diana Kinnerts, Martin Sellners und Götz Kubitscheks – Früchte der fleischlichen Zusammenkunft des alten Deutschen und seiner Bitch, dem Konservativismus. Sloterdijk hat es nach jahrelanger Mühe geschafft, dem Konservativismus wieder Frische ins Gesicht zu zaubern.

Auch wenn dieses Gesicht abgrundtief hässlich ist, schaut es uns doch an und grinst breiter als Heath Ledgers Joker. Da knallt es. Martin Sellner stürmt durch die Tür des beschaulichen Sloterdijk-Hauses. Er kommt gerade von einer der regelmäßigen internationalen Sitzungen der französischen Identitären. Sichtlich zufrieden mit der Sitzung, setzt sich der kleine Martin vor dem Alten auf den Boden. „Alter, ich habe Diana zum Essen gerufen, kannst du Götz Bescheid sagen, dass er noch ein Vieh schlachten und vorbeibringen soll zum Abendessen?“

Der Alte nickt, greift aus der preußischen Schublade neben ihm eine oberschlesische Taube raus, präpariert sie entsprechend mit einer Nachricht und bittet Martin, das Fenster zu öffnen. Dieser steht prompt auf und leistet Befehl. Sloterdijk wirft die Taube beherzt Richtung Fenster, sie fliegt.

Peter Sloterdijk
Peter Sloterdijk: Philosoph und Autor. Selbsternannter Links-Konservativer. Zeichnung: Theresa Althaus.

Europa-Mythos und Debattenkultur

Es vergeht eine Weile. Sloterdijk sitzt weiterhin auf seinem Sessel und denkt. Martin sitzt auf dem Boden, das Gesicht auf sein Handy gerichtet, er ist im Moment hoch politisch aktiv: teilt „Pepe der Frosch“-Memes auf Facebook und setzt die neue patriotische Kollektion der Phalanx-Europa zusammen. „Guck mal Alter!“, spricht er zu Sloterdijk und streckt ihm sein Telefon entgegen. Sloterdijk blickt ungläubig auf die Abbildung Stauffenbergs, der auf einem Stier reitet, welcher wiederum auf einem mit Flecken übersäten europäischen Kontinent steht. „Ach, die Flecken? Keine Sorge, das ist kein Blut. Wir Identitären wollen doch nicht aggressiv und unseriös erscheinen.

Das ist Sperma. Die Metapher habe ich mir selbst ausgedacht.“ Der Alte seufzt, tätschelt Sellner und lässt ihn mit dem Handy weiterspielen. Irgendwann trudelt Diana ein: „Hey Freunde! Ich habe eben noch an meiner Kolumne für DIE ZEIT weitergeschrieben. Dieses Mal geht es um Linke, die nicht unter der Brücke leben wollen. Denen habe ich voll pluralistisch die Meinung über Authentizität gegeigt!“ „Reconquista“ antwortet Martin.

Diana setzt sich neben Martin und schaut dem Alten beim Denken zu: „Wow, ist ja fast wie bei Kohl, nur ohne Urinpfütze am Sessel“, sagt sie und blickt erwartungsvoll zu Martin. Von diesem kommt ein zustimmendes „Reconquista! Reconquista!“.

Martin Sellner
Martin Sellner: Kopf der faschistischen Identitären Bewegung Österreichs (IBÖ). Zeichnung: Theresa Althaus

Von Göbbels und Adorno

Zu später Stunde kommt auch Götz Kubitschek samt Schlachtvieh und begibt sich in die Küche. Schnell hat er das Abendessen angerichtet und ruft herbei. Jeder hat einen Platz an diesem Tisch. Martin legt das Handy weg, Diana rückt die Cap gerade und Götz versteckt die Latte, die ihn aufgrund seines Anblicks auf seine vollbrachte Tat abermals heimsucht.

Die Konservativen beginnen zu dinieren. Als die Teller leergefegt sind, schaut der Alte auf. Verwirrt und ganz erschrocken blickt er in die Runde: „Aber Kinder, wer seid ihr denn? Wo sind meine Gedanken?“ Die Jungen kennen das Spiel. Es passiert häufiger, dass der Alte kurz wegtritt. Der fragile Geist zeugt von seiner Genialität. „Den Kapitalismus wieder cool machen“, piepst es unter der Cap, „Reconquista“ Reconquista!“, brüllt Martin, obwohl er direkt rechts neben Sloterdijk sitz. „Nichts Edleres, als den Völkern ihr Recht auf Selbstbestimmung zurück zu geben. Ethnopluralismus“, antwortet Götz im ruhigen Ton.

Der Alte steht auf, klopft sich den Staub vom Sakko, zieht die Hose zu und möchte sprechen: „Aber“ –  Doch wird er unterbrochen: „Was erlauben Sie sich?“, fragt Kubitschek sichtlich irritiert, „Ich habe nicht zu Ende gesprochen!“, ruft er, aufstehend gen Sloterdijk stampfend. Er greift nach einem imaginären Megaphon in Sloterdijks Hand, hält es vor‘s Gesicht, und spricht zu seinen Geschwistern in einem nachahmenden Megaphonton: „Ihr jungen Konservativen krrrr, es ist Zeit schhhhh für unsere Re-krrr-volution! Rassismus ist tot, es lebe der Ethnopluralismus!“.

Götz Kubitschek
Götz Kubitschek: Selbsternannter Rechtsintelektueller. Verleger rechter Zeitschriften, Mitbegründer des rechten Thinktanks IfS. Zeichnung: Theresa Althaus.

Diana fällt vor Schreck die Cap vom Kopf, Matin Sellner haut sich auf die Brust und grunzt „Reconquista! Reconquista! „Aber ich will gar keine Revolution!“, trotzt Diana, „Ich mag Merkel und die Gelassenheit und die Freiheiten, die der Kapitalismus uns geschenkt hat“

Ein verdutztes „Reconquista?“ aus Martins Mund. „Ich spreche von der konservativen Revolution, ihr Hornochsen. Dem Kapitalismus will ich nicht an die Gurgel. Er ist unser bester Freund. Er war es immer. Göbbels hatte das Kino und den Rundfunk und wir haben das Internet und naive, linksliberale Reporter. Habt ihr denn nicht Adorno gelesen? Habt ihr eure Hausaufgaben nicht gemacht? Den Arbeitern, Journalisten, Ausländern, Frauen! Menschen, deren Freiheit besonders geschützt werden muss, denen will ich an die Gurgel! Was ist das für eine Demokratie, in der Einige privilegiertes Recht genießen? Das ist dem

Deutschen gegenüber ungerecht!“ „Nieder mit dem Öffentlichkeitsmonopol der Linken!“, kommt aus Dianas Richtung, „Reconquista! Reconquista!“, ruft Martin bestätigend. Kubitschek legt das imaginäre Megaphon auf den Tisch, dreht sich zum Alten. Erwartungsvoll blickt er ihn an, da spricht Sloterdijk: „Zorn braucht unsere Vernunft. Ihr Jungen seid nicht vernünftig, ihr seid blind vor Zorn!“ „Er beansprucht Meinungsmonopol! Verbrennt ihn!“, ruft Dianas Cap.

Martin Sellner springt erschrocken vom Tisch, wutentbrannt stürmt er auf Sloterdijk zu, schubst Kubitschek bei Seite, „Reconquista!“, ruft er und rammt seine Zähne in die Brustwarzen des Alten und reißt sie mit einem zornigen Ruck heraus. „Das ist die feministische Attitüde, die ich so stark ablehne!“, ruft Diana im Anblick der blutenden, halben männlichen Brustwarze. „Ohne mich!“, lässt sie wissen und verlässt den Tisch und das Haus in der Provence. Die Cap bleibt da. Der Faschismus auch. Beide fühlen sich wohl bei den Konservativen.

Von Özgün Kaya


Empfohlene Lektüre zum Thema:
Volker Weiss: Die autoritäre Revolte, Klett-Cotta, 2017.
Sibylle Berg: Mit Rechten reden. In SPIEGEL-ONLINE vom 21.10.2017.
Leo Fischer: Schweigen. In NEUES DEUTSCHLAND vom 28.10.2017.


Werbeanzeigen