Jeder Jeck ist anders – oder?

Karnevalszug Jecke Schutzengel auf dem Rosenmontagszug in Köln. Foto von MichaelGaida / Pixabay-Lizenz

Die Welt feiert Karneval.

Wenn es in Köln an Weiberfastnacht pünktlich um 11:11 Uhr wieder „Alaaf!“ heißt, steht die Stadt für die nächsten sechs Tage Kopf. Tausende Jecken, weiblich und männlich, groß und klein, KölnerInnen und Angereiste, eröffnen den alljährlichen Fastelovend, die Fastnacht, bevor für die KatholikInnen am Aschermittwoch die vorösterliche Fastenzeit beginnt.

Die rauschenden Festlichkeiten der Fastnacht bilden den Höhepunkt der Karnevalssession, die in Köln offiziell schon am 11. November des Vorjahres beginnt. Kölsch, Berliner und Kölner Dreigestirn gehören in der Domstadt ebenso zum Karneval wie der Rosenmontagszug und die bunten Kostüme.

Dazu klingen Ohrwürmer durch Straßen und Kneipen, die jeder mitsingen kann. Viele Kölner Unternehmen sind während der Karnevalstage, vor allem am Rosenmontag, geschlossen, die Straßenbahnen fahren in unregelmäßigen Abständen oder auf Umwegen. Die Stadt scheint ganz in der Hand der KarnevalistInnen zu liegen.

Doch nicht nur in Köln beginnt mit dem Karneval die „fünfte Jahreszeit“. Auch in anderen christlichen, vor allem katholischen, Regionen Deutschlands, Europas, ja sogar der ganzen Welt, hat sich der Karneval als kulturelle Tradition etabliert und wird heute vielerorts sogar unabhängig vom christlichen Glauben und der Fastenzeit gefeiert. Ob Karneval in Rio, Maskenball in Venedig oder die verrückte Parade von New Orleans – die Festivitäten unterscheiden sich in Namen und Brauchtum, doch sie teilen mehr als nur den Ursprung.

Verkleidet wird sich überall

Ob Clown, Prinzessin oder Gardist – in Köln gibt es nichts, was es nicht gibt. Je kreativer die KarnevalistInnen, desto ausgefallener die Kostüme. Doch statt der kompletten Verwandlung reicht auch eine rote Pappnase, um mitfeiern zu können.

Bunt geht es auch in den anderen Karnevalshochburgen zu. Während sich in Deutschland größtenteils das „Alles und Nichts“-Prinzip bei der Verkleidung durchgesetzt hat, dominieren in Venedig oder Rio de Janeiro traditionelle Kostüme, die im Laufe der Zeit jedoch immer wieder neu und modern interpretiert wurden. Venedig beispielsweise wird an Karneval zu einem riesigen Maskenball.

Bei den prunkvollen Kostümen, die an das barocke Venedig erinnern, ist die Maske das wichtigste Accessoire. Eng verbunden mit der Historie Venedigs ist sie auch außerhalb der Karnevalszeit in der Stadt präsent. Der für den venezianischen Barock typische Dreispitz (Hut) ist auch im Kölner Karneval zu finden. Viele Karnevalsgesellschaften nutzen ihn als Teil ihrer Uniform. Im venezianischen Karneval geht es darum, möglichst ausgefallen auszusehen: „Sehen und gesehen werden“ lautet hier das Motto. Die besten Kostüme werden sogar prämiert.

Masken in Karneval
In Venedig steht der Karneval ganz im Zeichen der Maske. Foto von FilipeCardoso / Pixabay-Lizenz

Sie sind doch alle gleich

Im Kontrast zur frommen Fastenzeit ist die ursprüngliche Idee der Fastnachts-Festivitäten, die Regeln zu lockern und sonst übliche Sitten unter den Tisch fallen zu lassen. Viel Alkohol, fettes Essen und ausgelassene Stimmung, frei von Gedanken an Arbeit und Verpflichtung, zeichnen die Karnevalszeit aus. Die Verkleidung macht diesen Rollenwechsel sichtbar.

Gerade in Köln und anderen deutschen Hochburgen werden viele Kostüme als Parodien bestimmter Rollenbilder oder humorvoll gemeinte Figuren verwendet. Diese Kostümierungen helfen sich selbst und andere im karnevalistischen Treiben nicht allzu ernst zu nehmen. In Venedig verschleiert die Maske die Identität der TrägerInnen idealerweise vollkommen. Er oder sie kann sich unter die Menge der KarnevalistInnen mischen, ohne erkannt zu werden.

Die Kostümierung hilft vor allem aber auch, Gesellschaftshierarchien oder -ungleichheiten aufzubrechen: Im Kostüm sind alle gleich. Man sieht den Personen nicht direkt an, welchen Beruf sie haben oder aus welchem sozialen Bereich sie kommen. Gerade in Köln ist die „Mer sin eins“- Idee, also der Gedanke, dass alle Menschen, egal, wer sie sind und woher sie kommen, zur Stadt und ihrer Gesellschaft gehören, sehr zentral.

In New Orleans wird beim sogenannten Mardi Gras mit den sonst herrschenden gesellschaftlichen Problemen, wie der Unterscheidung zwischen „weißer“ und „schwarzer“ Bevölkerung, gespielt. „Weiße“ verkleiden sich als „Schwarze“, „Schwarze“ verkleiden sich als Natives usw. Auch die expressive Darstellung von (Homo-) Sexualität sowie nackte Haut scheinen an diesem Tag gesellschaftlich akzeptiert. Die traditionellen Farben des Karnevals in New Orleans, Violett, Grün und Gold, stehen für Gerechtigkeit, Macht und Hoffnung. Sie stärken den sozialen Aspekt des Karnevals zusätzlich.

Karnevalszug in New Orleans
Beim Mardi Gras in New Orleans verschwimmen die Grenzen zwischen Generationen, Herkunftsländern und Hautfarben. Foto von skeeze / Pixabay-Lizenz

LokalpatriotInnen weltweit

Bräuche und Rituale sowie kulinarische und musikalische Traditionen unterscheiden sich stark zwischen den Karnevalshochburgen. Feiert in Köln das Dreigestirn, bestehend aus Prinz, Jungfrau und Bauer, fliegt in Venedig der Engel vom Kirchturm auf den Markusplatz und zeigen in Rio de Janeiro SambatänzerInnen ihr Können.

Alle Bräuche sind jedoch fest mit der lokalen Historie und Kultur verankert. So werden in Frankreich Crêpes am Mardi Gras gegessen, während die BrasilianerInnen den nationalen Fußball häufig als Motto in die Gestaltung des Karnevals einbeziehen.

Beim Mardi Gras in New Orleans verbinden sich Elemente verschiedener Kulturkreise zu einem bunten Mix aus lokalem Jazz, afrikanischen Voodoo-Ritualen und traditionellen indianischen Bräuchen. Karneval ist das Fest der LokalpatriotInnen, die ihre Heimat und Kultur feiern. Rituelle Festumzüge und künstlerische Acts sind dabei fester Bestandteil der Festivitäten weltweit.

Manche Darbietungen, wie die der ArtistInnen und OpernsängerInnen in Venedig, laden das Publikum vor allem zum Anschauen ein, während viele Mundart-Konzerte sowie Paraden stark interaktiv gestaltet sind: Mitsingen und Mittanzen ist absolut gewünscht! So treten in Rio nicht nur professionelle TänzerInnen der Sambaschulen in einem Tanzwettkampf gegeneinander an, sondern auch alle anderen KarnevalistInnen, die sich vom Sambafieber anstecken lassen, feiern in den Straßen.

Das Konzept des Karnevals scheint Menschen auf der ganzen Welt zu bewegen. Regeln und Sitten, aber auch soziale Ungleichheiten und Tabus werden aufgebrochen oder zumindest in Frage gestellt. Menschen kommen in Kontakt, das Gefühl der kulturellen Gemeinschaft wird gestärkt. Auch wenn diese Betrachtung des Karnevals in vielerlei Hinsicht stark idealisiert scheint, so ist es doch oder gerade aus diesem Grund wichtig, diese Seite des Karnevals hervorzuheben und zum Wohle der Gesellschaft und der verschiedenen Kulturen zu nutzen.

Von Caroline Dohmen

Werbeanzeigen