Vom Festivalgirl zur Überlebenskämpferin

An dem Eingang zum Southside-Festival herrscht großer Andrang. Foto: Theresa Althaus

Ein Erfahrungsbericht über ein Festival-Erlebnis der etwas anderen Art. Und über die Kunst der Selbstironie.

Es ist Donnerstag, der 22. Juni. Voller Vorfreude stopfen meine Mädels und ich den alten BMW meines Opas voll, knallen den Kofferraum zu und machen uns auf den Weg nach Neuhausen ob Eck. Wo es hingeht? Zum Southside-Festival! Die Erwartungen sind hochgeschraubt, unsere Gedanken voller Vorfreude, sämtliche Songtexte auswendig gelernt und im Kurzzeitgedächtnis abgespeichert.

Ankunftsschreck im Campingdreck

Vor Ort klappen uns verdutzt die Kinnladen herunter: Eine riesengroße Menschentraube erwartet uns am Eingang des Campingplatzes. Voll von drängelnden, schubsenden Festival-BesucherInnen, die allesamt und von allen Seiten versuchen, sich durch drei schmale Schleusen zu quetschen. Ich habe das Gefühl, in einem Schwarm von dicken Mistfliegen herumzuirren, die verzweifelt versuchen, ein Stück der heißbegehrten Pferde-Köttel abzubekommen.

Kurz tief durchgeatmet, dann schultere ich energisch meinen Rucksack und beginne die Ellbogenschlacht. Eine Stunde später hocke ich im Schneidersitz auf dem weichen Rasen hinter der Sicherheitskontrolle. Mein Rucksack ist einmal aus- und wieder eingeräumt worden, mein Gehirn träge, meine gute Laune irgendwo zwischen den Grashalmen verloren gegangen.

Ich warte auf die anderen Mädels und versuche, meinen inneren Vorfreude-Pegel wieder zu stabilisieren. Hey, das hier soll Spaß machen! Nachdem meine Freundinnen es auch endlich zu mir geschafft haben, treten wir den Marsch zum Campingplatz gemächlich an. Das Zelt wird aufgebaut, die Luftmatratze unter auslaugendem Körpereinsatz aufgepumpt, der Schlafsack ausgebreitet. Endlich kann der Festival-Besuch so richtig losgehen.

Auf dem Festivalgelände kommt Zeltlagerfeeling auf. Pavillons bieten Treffpunkt, Austausch, die Möglichkeit, eine Mahlzeit zu sich zu nehmen oder sich einfach nur zu entspannen. Foto: Theresa Althaus

Harndrang stillen wider Willen

Nachdem ich mir einen kurzen Überblick über die Lage verschafft habe, kann ich folgendes in Erfahrung bringen: Es gibt „Luxustoiletten“ und es gibt Dixi-Klos. Dixi-Klos stehen an jeder Ecke und können ohne Wartezeit in Anspruch genommen werden. „Luxustoiletten“ stehen nur in begrenzter Anzahl zur Verfügung.

Ich entscheide mich trotzdem für die Luxusklos, noch habe ich Ansprüche. Nach einer Stunde des Wartens, während welcher meine Blase gefühlt auf die doppelte Größe anschwillt, befinde ich mich in einer kleinen Kabine. Toilettenpapier? Fehlanzeige. Immerhin gibt‘s Licht und eine mittelmäßig funktionierende Klospülung. Hey, das nenne ich #festivalgoals.

Vom Körperwaschen und Kaffeemachen

Die erste Nacht verläuft überraschend positiv. Ich schaffe es mit Schlafmaske und Oropax auf eine Gesamtsumme von sechs Schlafstunden, starte fit und vital in den Tag. Wären da nicht meine drückend volle Blase, meine fettigen Haare und das unstillbare Verlangen nach einer duftenden Tasse Kaffee. Wer hat menschliche Bedürfnisse eigentlich erfunden und ist es möglich, die entfernen zu lassen?!

Nach einer zweistündigen Wartezeit habe ich die Möglichkeit meinen Körper unter der Dusche von der nächtlichen Schweißproduktion zu befreien – man kann die Wassermenge, die sich tatsächlich aus dem Duschkopf entlocken lässt, immerhin als Rinnsal bezeichnen. Ich stolziere frohen Mutes zum Zeltlager zurück und bereite mich mental auf die nächste Aufgabe vor: das Kaffeekochen.

Bin ich es aus dem Büro-Alltag gewohnt, Wasser und Kaffeepulver in einen Behälter zu geben und die frische Brühe auf Knopfdruck zu erhalten, muss ich mich für eine kleine Tasse Instant-Kaffee nun ganz neu erfinden. Ich treibe einen Camping-Kocher auf, schleppe unter körperlichen Strapazen einen Kanister Wasser heran, rühre mein Premium-Instant-Kaffeepulver liebevoll in die kochende Masse und genieße mein Zaubergetränk direkt aus dem Topf.

Der Kaffee erfüllt trotz nun verbrannter Lippen seinen Zweck und ich fühle mich gut auf einen langen Festival-Tag vorbereitet. Einige Runden Flunky-Ball und mehrere erfolgreiche Alkoholisierungsmaßnahmen später, beschließen meine Crew und ich, uns auf den Weg zum Festivalgelände zu machen.

Tanzt du schon oder drängelst du noch?

Die Wartezeit vor dem Gelände lässt mich nachempfinden, wie es sein muss, ein kleines, hilfloses Insekt zu sein, welches ungeschützt einem übermächtigen Etwas ausgeliefert ist – in diesem Fall seiner eigenen Spezies – und hilflos versucht, seinen Körper quetschungsfrei zu erhalten. Der Eingang zum Festivalgelände ist so verstopft, dass meine beiden Kumpanen und ich sogar über einen Zaun und um einen Balken herumklettern, um uns von der Seite auf den Platz drängeln zu können. Zweimal gelange ich psychisch an einen Panik-Grenzpunkt, werde jedoch durch ein spontanes Vorstoßen der Massen kurzfristig gerettet.

Nach etwa einer halben Stunde habe ich es durch die Sicherheitskontrolle geschafft und stehe auf dem Festivalgelände. Nun, da der Tag eigentlich erst losgeht, fühle ich mich bereits wie nach der finalen Prüfung im Dschungelcamp. Was ich jetzt brauche, ist ein erfrischendes Glas Wasser. Das gibt’s hier doch an jeder Ecke, habe ich mir sagen lassen, und begebe mich auf die Suche nach einer Wasserstelle.

Wasserstreit statt Heiterkeit

Doch das Battle ums Trinkwasser ähnelt einem Überlebenskampf: Wenn man nicht determiniert ist, sich mit Ellbogen durch schreiende und keifende Menschenmassen zu schubsen, gelangt man nicht in die Nähe der Wasserstelle. Und ist man einmal im Gewusel, kämpft, flucht und arbeitet sich vorwärts, dann ist es mindestens genauso schwer, einen Weg hinauszufinden.

Schon zu Beginn meiner Versuche, an ein Glas kühle Masse zu kommen, schubsen sich Rückkehrer vom Ort des Grauens an mir vorbei und fluchen in meine Richtung: „Ehrlich, kauf dir einfach Wasser! Tu dir das nicht an!“ Sehe ich so ängstlich aus? Ich strauchle, bin hin- und hergerissen. Doch dann kommt mein Ehrgeiz mit Vollgas um die Kurve geradelt. Ich atme tief durch und beginne, meinem Nachbarn systematisch den Ellbogen in die Rippen zu rammen.

Obligatorisch für jeden Festivalbesuch: ein Gruppenfoto am Anfang oder zum Ende des Festivals. Foto: Theresa Althaus

Feierstund‘ hat Gold im Mund

Als ich mir endlich meine Trinkwasserration gesichert habe und tatsächlich noch am Leben bin, kann der Festival-Spaß so richtig losgehen. Mit dem Wetter haben wir riesiges Glück, die Sonne brutzelt uns vom Himmel herab auf unsere eingecremten Nacken. Die 257ers, Bilderbuch und Linkin Park können mir mit ihren Performances ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Das Leben kommt mir vor wie eine Party.

Und die Moral von der Geschicht‘…

Natürlich kehren meine vermaledeiten Bedürfnisse schon nach kurzer Zeit zurück. Wie Staub verunreinigen sie meine Laune, vermehren sich und warten sehnlichst darauf, beachtet zu werden. Ich könnte euch jetzt erzählen, wie lange ich angestanden habe, um meinem knurrenden Magen die wohlverdiente Falafel-Tasche zu beschaffen, wie heldenhaft ich mich fühlte, als ich das frittierte Gut nach langem Warten in meinen Händen hielt.

Ich könnte euch erzählen, wie geruchsintensiv meine folgenden Dixi-Klo-Erfahrungen waren, wie Salzstangen zu meinem Grundnahrungsmittel wurden und wie ich lernte, mein Selbst auch mit fettigen Haaren zu akzeptieren.

…das Festival, verpass‘ es nicht!

Doch worauf ich eigentlich hinausmöchte, ist, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Am ersten Tag bin ich gestrauchelt, musste mich nach jeder Aufgabe wieder auf mich besinnen, meine innere Widerstandsfähigkeit füttern und mich auf die nächste Challenge vorbereiten. Am zweiten Tag haben sich mein Körper und Geist schon ein wenig angepasst.

So viel Überwindung manche Veränderungen anfangs kosten mögen, so leicht gewöhnt man sich dann doch meist daran. Es kann sogar eine erstaunlich befreiende Erfahrung sein, das Befriedigen der Grundbedürfnisse in den Fokus seiner Aufmerksamkeit stellen zu müssen. Man hat plötzlich keine aufregenden, inspirierenden Lebensaufgaben mehr nötig.

Man existiert einfach und ist verdammt stolz drauf, diese Existenz wahren zu können. Und die beste menschliche Eigenschaft ist ja bekanntlich, größtenteils das Schöne in Erinnerung zu behalten. Und deswegen habe ich auf die Frage, ob wir nächstes Jahr wieder zum Southside-Festival fahren, auch ohne nachzudenken mit „Unbedingt!“ geantwortet.

Von Theresa Althaus

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