Blut, Schweiß und Traubensaft

Korb mit Weintrauben Eine Menge Arbeit steckt in diesem Eimer. Foto: Sandrine ALBERT BOURDELAT /flickr.com / CC BY-NC-ND 2.0

Weintraubenernte in Frankreich

Oingt in der Provinz Beaujolais ist ganz offiziell die schönste Ortschaft Frankreichs. Darauf machen Ortsschilder Neuankömmlinge aufmerksam. Doch bei näherer Betrachtung der alten Häuser aus gelbem Stein mit den kunstvoll verzierten Namensschildern, der romantischen kleinen Gassen und mit Blick auf die umliegenden Weinfelder und Täler, ist dieser Hinweis gar nicht nötig.

Wie schön wäre es, über den kleinen Marktplatz zu spazieren, das Drehorgelmuseum zu besuchen, die Burgen in den umgebenden Dörfern zu besichtigen oder nach Cublize zu fahren, um am Lac du Sapin in der Sonne zu liegen? Doch das werde ich nicht erfahren, denn ich bin nicht hier, um mich zu erholen. Ich bin hier, um auf dem Weingut von Thierry und Erica bei der Vendange, der Weinernte, zu helfen, um meine Reisekasse ein wenig aufzufüllen. In diesem Jahr beginnt die Ernte bereits Ende August, viel früher als erwartet. Wir, 14 ErntehelferInnen, brauchen elf Tage für die Ernte – geplant waren eigentlich nur zehn. Für diese Zeit kommen wir alle bei Erica und Thierry unter.

Ein Tag auf dem Weinfeld

Unser Tag beginnt früh. Schon um halb sieben kommt „le chef“ Thierry in das Zimmer hinter der Garage, das ich mir mit zwei weiteren ErntehelferInnen teile, und pfeift seine kurze Weckmelodie. Nach dem Frühstück treffen wir uns in einem Transporter mit Bänken im Innenraum, sodass wir alle darin Platz nehmen können. In kürzester Zeit füllt sich der Wagen mit Zigarettenrauch, doch zum Glück sind wir nicht lange unterwegs. Die meisten Weinfelder sind nicht weit vom Haus entfernt. Dort angekommen, schnappt sich jeder einen Eimer und dann geht es los: Wir ernten in Zweierteams, jeder auf einer Seite. Damit wir uns mit den scharfen Secateurs, einer Art Heckenschere, nicht gegenseitig in die Finger schneiden, arbeiten wir leicht versetzt.

Es überrascht mich, wie anstrengend die Arbeit ist. Mein Rücken schmerzt, weil ich ihn so lange beugen muss. Die Weinreben sind nicht alle sichtbar, viele von ihnen verstecken sich hinter Blättern, die wir unsanft aus dem Weg reißen. Dabei hinterlassen die Äste Kratzer an meinen Armen. Zwei Erntehelfer haben sich große Rucksäcke umgeschnallt und laufen im Feld auf und ab. Sind unsere Eimer voll, entleeren wir sie bei ihnen. So müssen wir unsere Arbeit nicht unterbrechen, um bis ans Ende des Feldes zu dem großen Container zu laufen, in dem wir die geernteten Weintrauben lagern. Jedes Mal kostet es mich meine ganze Kraft, den schweren Eimer hochzuhieven.

Das Bild der dicken, blauen Weinreben hat sich in mein Gehirn eingebrannt. Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, sehe ich sie wieder vor mir. „Seht ihr sie auch noch?“, frage ich die anderen während der Pause, aber ich scheine die Einzige zu sein.

Trotz allem beginnt die Arbeit irgendwann Spaß zu machen. Wie automatisch entferne ich die Blätter und werfe die Trauben mit schnellen Handgriffen in den Eimer. Ich kann meine Gedanken fließen lassen, muss mich nicht mehr konzentrieren. Immer wieder machen wir Pausen, bei denen es Wein, Wasser und Schokolade gibt, und lassen uns die Sonne ins Gesicht scheinen. Nur Regentage sind überhaupt nicht schön. An solchen tragen wir übergroße Regenmäntel und –hosen. Darin sehen wir aus wie grüne, unförmige Kästen.

Meine Gummistiefel sind ebenfalls etwas zu groß, sodass ich mehr durch die bergigen Weinfelder rutsche als laufe. Wasser und Traubensaft spritzen von den Blättern in mein Gesicht. Durch meine Brillengläser kann ich fast nichts mehr erkennen. Wenn ich mir in den Finger schneide, vermischt sich mein Blut mit dem Regenwasser und läuft minutenlang über meinen Arm, mag der Schnitt noch so klein sein.

Das Essen

Sowohl in der Mittagspause als auch zum Abendessen serviert uns Erica drei Gänge, auf die dann auch noch eine Käseplatte folgt. Wir essen alle zusammen an einem langen Tisch, unterhalten uns auf Englisch und Französisch. „Le chef“ sitzt auch bei uns und füllt unsere Gläser mit Wein. Schon nach wenigen Tagen habe ich drei Kilo zugenommen. Hinzu kommt auch noch, dass die meisten der ErntehelferInnen Wein einem Dessert vorziehen, sodass es oft an mir liegt, die Reste der hausgemachten Mousse au Chocolat aus der Schüssel zu kratzen.

Weintraubenträume

Am Ende eines jeden Arbeitstages auf dem Feld bin ich immer wieder stolz darauf, durchgehalten zu haben. Nichts kann mich aufhalten. Nicht der Regen, nicht die schweren Eimer und auch nicht die langbeinigen Spinnen, die manchmal über die Reben klettern und mich in Schrecken versetzen. Abends falle ich müde ins Bett, schließe die Augen und stehe im Traum sofort wieder auf dem Weintraubenfeld.

Von Fatima Grieser

Werbeanzeigen